Apple iPad Pro 10.5 im Test: Potenter MacBook-Ersatz

Ich bin Android-Fan. Daraus mache ich auch kein Geheimnis und habe bereits hier darüber geschrieben. Doch im Tablet-Bereich fehlt es einfach an gelungenen Alternativen, die dem Branchenprimus Apple mit dem iPad ernst werden können. Lange habe ich mich gegen das Produkt mit dem Apfel gewährt, doch beim Nachfolger des leistungsfähigen iPad Pro bin ich doch schwach geworden. Nachdem die Fachpresse bereits davon begeistert war, habe ich nun selbst einen Blick darauf geworfen. Ich verrate euch, was mich am iPad Pro 10.5 in den vergangenen Wochen begeistert hat und in welchen Bereichen Verbesserungspotential besteht.

Schlichtes Design mit erstklassiger Verarbeitungsqualität

Als Nutzer von HTC-Smartphones wie etwa dem HTC 10 oder dem HTC U11 bin ich schicke Aluminium-Gehäuse gewohnt. Doch was Apple da bei seinem neuen iPad auftischt, ist einfach nur beeindruckend. Mit seinen Abmaßen von 250 x 174 Millimetern ist es für ein 10,5-Zoll-Gerät äußerst kompakt und bietet die höchste Screen-to-Body-Ratio, die ein Apple-Tablet jemals erreicht hat. Hinzu kommt die Dicke von gerade einmal 6 Millimeter. Der Großteil der Mobiltelefone ist deutlich wuchtiger.

Auch aufgrund der geringen Masse von 469 Gramm liegt das iPad Pro 10.5 sehr gut in der Hand und ist wegen des matten Alu-Unibodys ein echter Handschmeichler. Dafür sorgen die harmonischen Rundungen um das komplette Tablet sowie der nahtlose Übergang in die gläserne Vorderseite. Dort findet sich neben dem Display eine 7-Megapixel-Frontkamera sowie der Home-Button, unter dem sich ein schnell reagierender Fingerabdrucksensor befindet.

iPad Pro 10.5 Test
Per Fingerabdrucksensor kann das iPad Pro entsperrt werden. Image by Jonas Haller

Die beiden kurzen Seiten dominieren die klangstarken Lautsprecher. Vier an der Zahl sorgen schon fast für Surround-Sound, die Qualität sucht ihresgleichen. Apple-typisch besitzt das neue iPad Pro nur die nötigsten Anschlüsse: Zum Aufladen des Geräts und dem Anschließen etwa eines SD-Karten-Adapters kommt der Lightning-Port zur Anwendung. Über ihn kann auch der optionale Apple Pencil aufgeladen werden. Dazu aber später mehr. Wer Musik lieber über kabelgebundene Kopfhörer genießen möchte, kann per 3,5 mm Klinkenanschluss seine herkömmliche Peripherie verbinden.

Die Verarbeitungsqualität ist selbstverständlich auf einem erstklassigen Niveau. Nichts knarzt und selbst größere Krafteinwirkung lässt das Tablet nicht verwinden oder eindrücken. Die Druckpunkte der physischen On/Off- sowie Lautstärke-Buttons sind gut knackig. Einzig der Power-Knopf wackelte beim Test-Exemplar in seiner Fräsung etwas umher. Aber das ist Meckern auf höchstem Niveau.

iPad Pro 10.5 Test
Die Rückkamera des iPad Pro 10.5 schaut deutlich aus dem Gehäuse heraus. Image by Jonas Haller

Das Retina-Display macht seinem Namen alle Ehre

Die Retina ist die Verarbeitungszentrale der Bildquellen und das Bindeglied des menschlichen Auges zum Gehirn. Apple hat diesen Namen für seine Displaytechnik nicht von ungefähr gewählt, denn hier verschwimmen digitale und reale Welt zunehmend. Warum? Mit 2.224 x 1.668 Pixeln ist das 10,5 Zoll große Panel für ein Tablet knackig scharf. Die Pixeldichte liegt bei 264 ppi, für das menschliche Auge sind die Bildpunkte also kaum sichtbar.

Der große Farbraum und die dynamische Farbanpassung (TrueTone) lassen Inhalte extrem lebendig und farbecht wirken. Die neue ProMotion-Technologie sorgt außerdem dafür, dass die Bildwiederholrate auf 120 Frames pro Sekunde erhöht wird, sobald sich stetig verändernde Inhalte angezeigt werden. Das passiert etwa beim Scrollen durch Dokumente oder Webseiten, aber auch bei angepassten Spielen. Alles wirkt so noch einmal lebensechter und flüssiger.

Nicht zuletzt sorgen die dünne Laminatschicht und eine Antireflex-Beschichtung für ein besseres Seherlebnis. Klar, das Display spiegelt auch weiterhin und bei direkter Sonneneinstrahlung wird es immer schwieriger Inhalte zu erkennen. Doch für meinen Teil löst Apple die Geschichte mit Bravour und souveräner als so mancher Mitbewerber. Auch der Helligkeitssensor arbeitet fix und zuverlässig. Stetige Licht-(Temperatur-)Wechsel auf längeren Bahnfahrten stellen das Gerät kaum vor Herausforderungen.

Mit der Kraft der sechs Herzen

Unter der Haube sorgt der herstellereigene A10X-Fusion-Prozessor für eine sehr hohe Performance. Die drei leistungsstarken Hurricane- und drei sparsameren Zephyr-Kerne sind auf nicht einmal 100 Quadratmillimeter untergebracht. Gegenüber dem Vorgänger-Chip soll die neue CPU um bis zu 30 Prozent an Geschwindigkeit zugelegt haben. Überprüfen kann ich das selbstredend nicht, jedoch beeindruckte die Performance des neuen iPad Pro 10.5 auf ganzer Linie.

iPad Pro 10.5 Test
Im 3D Mark erreichte das iPad Pro 10.5 einen sehr guten Benchmark-Wert. Screenshot by Jonas Haller

Spiele laufen flüssig und laden flink. Selbst ressourcenfressende 4K-Videobearbeitung stellt das Gerät vor keine großen Herausforderungen. Für einen objektiven Eindruck habe ich die beiden Benchmarks AnTuTu und 3D Mark Slingshot durchgeführt. In ersterem erreichtes das Apple-Tablet einen neuen Bestwert von 228.000 Punkten, im 3D Mark standen 4.133 Punkte in der Ergebnistabelle. Einzig im hochauflösenden Grafiktest 2 sackte die Framerate auf 18 Bilder pro Sekunde ab.

Zum Arbeitsspeicher schweigt sich Apple selbst obligatorisch aus. Laut mehreren übereinstimmenden Quellen sollen allerdings 4 GB verbaut sein. Das klingt im ersten Moment wenig, sorgen aufgrund des schlanken Betriebssystems iOS für eine sehr gute Multitaskinggeschwindigkeit. Je nach Ausstattungsvariante stehen 64, 256 oder 512 GB interner Speicher zur Verfügung. Da Apple seiner Linie treu bleibt und keinen microSD-Karten-Slot anbietet, ist für den produktiven Einsatz von der kleinsten Variante abzuraten. Allzu schnell wird der Speicherplatz eng.

iPhone-Kamera sorgte für scharfe Scans und schöne Schnappschüsse

Wer kennt sie nicht, die berühmt, berüchtigten Tablet-Fotografen. Solche die meinen, aufgrund des großen Displays ein besonders tolles Foto aufnehmen zu können. Für die gibt es ein ganz besonderes Schmankerl, denn erstmals integriert Apple ein Kameramodul aus seinem aktuellen Smartphone in sein iPad. Die 12 Megapixel auflösende Knipse mit f/1.8-Blende stammt aus dem iPhone 7 bzw. iPhone 7 Plus und bietet dementsprechend eine gute Bildqualität.

iPad Pro 10.5 Test
Die Kamera des iPad Pro 10.5 stammt aus dem iPhone 7. Image by Jonas Haller

Die Aufnahmen besitzen eine sehr gute Schärfe, könnten allerdings für meinen Geschmack etwas mehr Farbdynamik vertragen. Dank HDR-Modus erhalten die Schnappschüsse einen sehr guten Kontrast. Während die üblichen Zusatz-Modi Panorama, Slo-Mo oder Zeitraffer auch beim iPad Pro 10.5 zu finden sind, sucht man einen Profi-Modus vergeblich. Dafür müsst ihr Zusatzapps wie Lightroom einsetzen. Für schlechte Lichtbedingungen steht eine optische Bildstabilisierung sowie ein 4-fach LED-Blitz zur Verfügung.

Videos zeichnet das Tablet in 4K-Auflösung bei 30 Bilder pro Sekunde auf. Reicht FullHD aus, beträgt die Bildrate sogar 60 fps. Die FaceTime HD genannte Frontkamera löst mit 7 Megapixel auf und eignet sich dank 1080p Videoaufnahme perfekt für Videotelefonie via FaceTime oder Skype. Im Test lobte der Gesprächspartner das gute Bild – was natürlich auch abhängig von der Übertragungsqualität ist.

Ausdauernder Akku mit langer Ladezeit

Apple-Produkte sind bekannt für ihre lange Akkulaufzeit. Das liegt zum einen am ressourcenschonenden Betriebssystem, aber auch am leistungsstarken Akkumodul. Im Falles des iPad Pro 10.5 verbaut das Unternehmen aus dem Silicon Valley ein 30,4 Wattstunden liefernde Lithium-Polymer-Batterie. Im Alltag waren damit rund 9 Stunden Arbeiten mit aktivem Display möglich. Neben Office-, Mail- und Webanwendungen, lief die ein oder andere Minute Musik über Spotify und in den Pausen das ein oder andere YouTube-Video. Letztere Laden dank schnellem WLAN ac-Standard und Dualband Funktion sehr schnell. Wahlweise kann das Apple-Tablet auch mit LTE-Modul geordert werden.

Apropos Laden: Über den Lightning-Anschluss und das mitgelieferte Netzteil (5.2V, 2.4A) wird das iPad Pro 10.5 wieder aufgeladen. Dabei gehen bei vollständigem Entladen etwa 3,5 Stunden ins Land. Dieser Wert geht angesichts der sehr guten Laufzeit absolut in Ordnung.

Update auf iOS 11 bringt Desktop-Features

Von Haus aus kommt das Tablet mit Apples Mobilsystem iOS 10 daher. Bereits damit lässt sich das Gerät sehr produktiv einsetzen, installiert Apple doch sinnvolle Software wie etwa Büroprogramme (Pages, Numbers, Keynote) oder auch Mail, Kalender und Erinnerungen. Musiker freuen sich auf GarageBand. Bloatware findet sich auf dem iPad Pro 10.5 nicht. Wer kabellos Verbindung aufnehmen will, kann AirDrop, AirPlay oder AirPrint nutzen. Mir persönlich hat auch die Anwendung Apple Home gefallen. Damit lassen sich dann etwa Glühlampen oder Thermostate steuern. Ein Test von Philips Hue folgt demnächst.

Als passionierter Androidnutzer finde ich auch die User Experience und das Look and Feel grandios. Das System ist in allen belangen konsistent sowie qualitativ hochwertig und übersichtlich gestaltet. Das zeigt sich auch bei den Apps. Hier werden die Vorteile eines geschlossenen Systems deutlich. Mit iOS 11, das Ende September ausgerollt wird, landen weitere clevere Desktop-Features auf dem iPad Pro 10.5. Dann bringt Apple einen Dateimanager, die vom Mac bekannte Dock, eine Multiscreen- sowie Drag & Drop-Funktion. Sobald das große Update veröffentlicht wurde, werden wir davon berichten.

iPad Pro 10.5 Test
Überdies ist der Apple Pencil eine gelungene Erweiterung für das iPad Pro. Image by Jonas Haller

Ferner holen Studenten und Kreative dank des optionalen Apple Pencils noch mehr aus ihrem Gerät heraus. Er liegt dank seiner länglichen Geometrie und der Masse von 20 Gramm sehr gut in der Hand. Innerhalb von wenigen Millisekunden verarbeitet das iPad die Eingaben, sodass es sich fast so anfühlt als würde man auf Papier schreiben. Per 2.048 Druckstufen lassen sich fein differenzierte Linien erstellen. Neigungssensoren erkennen zudem den Winkel und Schattierungen lassen sich erzeugen.

Dank Handballenerkennung gehören ungewohnte Eingaben der Vergangenheit an. Das funktionierte im Test sehr gut und ohne Probleme. Durch die Verbindung über Bluetooth 4.2 Low Energy gibt sich der Eingabestift besonders sparsam. Zwar muss der integrierte Akku nach rund 11 Stunden Nutzung wieder aufgeladen werden, allerdings geschieht das per Lightning-Adapter sehr fix. Innerhalb 20 Minuten ist das Zubehörteil wieder aufgeladen.

Fazit: Das iPad Pro 10.5 ist mein neues Mobilgerät Nummer 1

Das Tablet ist tot. Das hört man von vielen Seiten. Auch ich selbst war mir unschlüssig, ob ein solches Gerät wirklich notwendig ist. Doch Apple hat mich mit dem iPad Pro 10.5 eines besseren belehrt. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist das Gerät kompakt, ultraportabel und bietet eine große Aktionsfläche. Für Studenten also das perfekte Gadget für Vorlesungen und Seminare. Dank des Pencil lassen sich schnell Notizen und Anmerkungen festhalten.

Zum zweiten ist das Profi-Gerät nicht nur ein schödes Entertainment-Tablet, sondern kann in bestimmten Nutzungsszenarien durchaus das Laptop oder MacBook. Die Performance setzt Maßstäbe und ist in der Geräteklasse einmalig. Weiterhin lässt sich das iPad Pro für Textarbeiter per Tastaturdock in ein mobiles Office verwandeln. Hinzu kommen die vielfältigen Erweiterungsmöglichkeiten von Drittanbietern wie Logitech mit seiner Slim Combo.

iPad Pro 10.5 Test
Obendrein besticht Rückseite des iPad Pro durch Schlichtheit. Image by Jonas Haller

Genug der Lobhudelei – gibt es denn auch Negatives? Mich persönlich stören nur Kleinigkeiten wie das herausstehende Kameramodul, auf das ich hin und wieder ungewollt fasse. Auch die vermeintliche fettabweisende Beschichtung des Displays arbeitet nicht wirklich zuverlässig, Fingerabdrücke sind deutlich sichtbar. Für den Datenaustausch wäre weiterhin ein USB-Adapter wünschenswert. Dokumente lassen sich vom optionalen SD-Karten-Dongle nicht öffnen.

Und da wäre natürlich noch der Preis. Sage und schreibe 729 Euro ruft Apple für die kleine Variante mit 64 GB auf, für die genutzte 256 GB Version werden 829 Euro fällig. Die Spitzenvariante mit 512 GB kostet noch einmal 100 Euro mehr. Studenten profitieren von einem (kleinen) Bildungsrabatt. Auch das Zubehör ist alles andere als billig. Schließlich schlägt der Pencil mit 109 Euro, das Keyboard mit 179 Euro zu Buche. Puh, Innovation hat eben ihren Preis.


Images & Screenshots by Jonas Haller


Jonas Haller

Jonas ist technikbegeisterter Leichtbaustudent an der Technischen Universität in Chemnitz. Er sammelt gern Erfahrungen mit neuer Hardware sowie innovativen Technologien und lässt andere daran teilhaben. Durch den Techblog „HTC Inside“ ist er zum Bloggen gekommen. Zwischendurch war er auch für das „Android Magazin“ aktiv. Privat schreibt er auf jonas-haller.de über die Dinge und Geschichten in seinem Leben, die er berichtenswert findet.

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