Apple Watch 3 mit LTE: Das Telefon fürs Handgelenk im Test

Händler waren skeptisch, ob genügend Menschen eine Apple Watch 3 mit LTE möchten. Doch der Erfolg gibt Apple recht. Vor allem wegen der Nachfrage nach der Cellular-Variante ist die dritte Generation der Computeruhr laut Marktforscher Canalys derzeit ein Kassenschlager. Im dritten Quartal 2017 verkaufte Apple demnach 3,9 Millionen Apple Watches, davon 800.000 mit LTE-Chip. Damit ist der Tech-Gigant aus Cupertino abermals der erfolgreichste Wearable-Hersteller und die Apple Watch die populärste Computeruhr-Serie. Ohne Smartphone-Zwang telefonieren und Apple Music streamen zu können, trifft offenbar einen Nerv bei den Nutzern. Wie praktisch die Entfesselung vom iPhone im Alltag ist, habe ich anhand der Sport-Variante mit Aluminiumgehäuse und 38-Millimeter-Display getestet.

Telefonie an der Apple Watch 3 mit LTE einrichten

Geht es nur um die Optik, sind die Neuerungen der dritten Watch-Generation vernachlässigbar. Dass das schicke und hochwertige Gehäuse um einen Bruchteil dicker ist und die Krone eine rote Deckplatte hat, entdecken nur Kenner. Die wichtigste Neuerung ist für das Auge hingegen unsichtbar.

Im Gehäuse der Apple Watch 3 mit LTE ist eine sogenannte eSIM-Karte fest verbaut. Dadurch kann sie sich selbst dann ins Mobilfunknetz einwählen, wenn sie vom iPhone entkoppelt ist. Aber einen Handyvertrag brauchen Nutzer der Apple Watch 3 mit LTE hierzulande trotzdem. Und zwar zwingend einen von der Deutschen Telekom. Gemäß einer Exklusivvereinbarung mit Apple darf nur dieser Provider in Deutschland die eSIM für die Smartwatch freischalten.

Wer wie ich die Apple Watch 3 mit LTE online bei der Telekom bestellt hat, erhält die nötigen Zugangsdaten gleich mitgeliefert. Daher war die Einrichtung in wenigen Minuten erledigt. Watch mit dem iPhone koppeln, Aktivierungsprozedur der eSIM folgen, fertig.

Apple Watch 3 mit LTE
Der rote Punkt auf der Krone ist die markanteste optische Neuerung. Image by Berti Kolbow-Lehradt

So ganz ohne iPhone kommt die Apple Watch 3 mit LTE letztlich noch nicht aus. Denn mit einem anderen Mobilgerät außer einem iPhone 6 oder jünger gelingt die Aktivierung der eSIM nicht. Außerdem teilt sich die Watch mit dem iPhone die gleiche Mobilfunknummer. Bei der eSIM-Lösung der Telekom handelt es sich nämlich um eine MultiSIM-Karte. Sie wird zum Hauptvertrag als Option dazu gebucht und zerrt vom gleichen Datenvolumen wie das iPhone. Das ist insofern praktisch, als dass ihr nur eine Rechnung erhaltet, egal ob ihr mit einem iPhone, einem iPad oder eben der Apple Watch Daten verbraucht.

Für die eSIM-MultiSIM-Karte berechnet die Telekom derzeit aktionsweise die ersten sechs Monate nichts. Danach werden 4,95 Euro monatlich fällig. Es sei denn, eine oder zwei MultiSIM-Karten zählen ohnehin zu den Inklusivleistungen eures Telekom-Vertrags. Bei sehr teuren Tarifen ist das der Fall.

Tolle Sprachqualität

Anrufe zu führen und entgegenzunehmen erlaubt zwar schon die Apple Watch Series 2. Allerdings dient sie dann nur als Nebenstation des iPhone. Die eigentliche Verbindung baut Apples Mobiltelefon auf. Nicht nur deswegen konnte mich die zweite Modellgeneration als vollwertige Telefonie-Option nie überzeugen. Auch die bisweilen schlechte Sprachverständlichkeit vermieste mir so manches Gespräch. Das ist bei der Apple Watch 3 mit LTE nun anders.

Bei der Cellular-Variante der dritten Watch-Generation hat Apple die Sprachverständlichkeit drastisch verbessert. Zum Test versetze ich das iPhone in den Flugmodus und schalte bei der Apple Watch 3 das WLAN aus. Lediglich der Mobilfunk bleibt auf der Uhr aktiv. Über alle Durchläufe hinweg verstehen mein Gegenüber und ich mich einwandfrei. Keine abgehakten Sätze mehr wie noch bei der Apple Watch 2. Das Gesagte kommt deutlich rüber. Der Lautsprecher überzeugt mit klarem Klang und guter Lautstärke. Welchen Beitrag Apples ausgefeiltes Antennendesign zur Übertragungsqualität leistet, kann ich nicht überprüfen. Die Empfangs- und Sendeeinheit steckt direkt im Display, was eine Besonderheit darstellt.

Die Apple Watch 3 mit LTE ist praktisch für alle, die gern erreichbar sein möchten, ohne das iPhone dabei haben zu müssen. Jedoch als vollwertiges Kommunikationsgerät kann die Computeruhr ein ausgewachsenes Smartphone nicht ersetzen. Denn leider hat Apple nichts am Bedienkomfort geändert. Das Menü der Telefon-App ist in der aktuellen Betriebssystemversion von watchOS genauso fummelig wie beim vorherigen Modell. Auf dem 38-Millimeter-Display eine Nummer mit dem Ziffernblock zu wählen ist umständlich und anfällig für Vertipper. Idealerweise rufen Nutzer also nur eingespeicherte Nummern aus dem Kontaktbuch oder per Siri-Kommando auf.

Keine Messaging-Alternative zum iPhone

Als E-Mail- und Messaging-Gerät taugt die Apple Watch 3 mit LTE nur in eine Richtung. Natürlich können Nutzer über die LTE-Verbindung selbst dann Nachrichten empfangen, wenn das iPhone nicht gekoppelt ist. Das klappt auch ziemlich gut. Doch das Antworten ist umständlich. Die vorgefertigten Satzbausteine, Emojis oder die Spracheingabe genügen nur zum Erstellen kurzer Nachrichten. Längere Antworten lassen sich viel schneller und fehlerfreier mit dem iPhone texten. Selbst wenn Apple auch in der Watch eine Software-Tastatur integrieren würde, wäre diese angesichts der geringen Displayfläche kaum praxistauglich.

Apple Music ohne iPhone streamen

Weil ihr über die Mobilfunk-Verbindung nicht nur telefonieren, sondern ebenfalls aufs Internet zugreifen könnt, eignet sich die Apple Watch 3 mit LTE auch prima fürs Musik-Streaming. Zum Marktstart war nur das Abspielen von vorher per iPhone überspielter Musik möglich. Seit dem Update auf watchOS 4.1 haben Abonnenten von Apple Music eine viel größere Auswahl. Nun können sie den ganzen Katalog von Apples eigenem Musikdienst streamen, inklusive dem Radioangebot von Beats 1.

Was großartig klingt, erweist sich in meinem Test als noch nicht zu Ende gedacht. In der Musik-App kann ich als Apple-Music-Abonnent über Schaltflächen aus meiner gesamten persönlichen Mediathek wählen. Das umfasst alle Songs, Alben, Künstler und Playlists, die ich bislang zu meiner Sammlung hinzugefügt habt.

Apple Watch 3 LTE
Die Apple Watch 3 mit LTE ist ideal fürs Joggen, wenn man das iPhone nicht dabei haben möchte.

Möchte ich neue Musik hören, die nicht Teil meiner Mediathek ist, kann ich sie per Siri-Sprachbefehl abspielen lassen. Doch anders als bei iPhone, iPad, Apple TV oder Mac, kann ich nicht in einer grafischen Oberfläche durch den Katalog stöbern. Das ist unpraktisch, zumal es Siri im Test immer wieder schwerfällt, meine englische Aussprache zu verstehen. Weil sie unter „Looking for Frieden“ oder ähnlichem Kauderwelsch keine Treffer findet, bleiben meine Musikwünsche oft unerfüllt.

Um neue Musik zu euer Sammlung hinzufügen, nutzt ihr daher am besten weiterhin ein anderes Apple-Gerät. Wer ein kuratiertes Radioprogramm bevorzugt, hat es leichter. In den Senderlisten der Radio-App zu blättern, ist ein Leichtes. Sofern ich mich auf meine bestehende Mediathek beschränke oder Apples vorkonfektionierte Radio-Playlists höre, funktioniert das Streaming von Apple Music auf der Apple Watch 3 mit LTE ausgezeichnet.

Abo, Daten, Bluetooth-Kopfhörer: Was ihr fürs Streaming braucht

Neben einem Abo für Apple Music ab 9,99 Euro solltet ihr auch über einen Handyvertrag verfügen, der ein üppiges Datenkontingent beinhaltet. Alternativ könnt ihr auch die Telekom-Option StreamOn für 9,95 Euro hinzu buchen. Damit könnt ihr Apple Music und andere Streaming-Angebot nutzen, ohne dass der Traffic auf das Datenvolumen angerechnet wird.

Außerdem spielt die Apple Watch keine Musik über Lautsprecher ab, sondern verlangt nach Bluetooth-Kopfhörern. Sind noch keine verknüpft, fragt die Musik-App nach den Apple AirPods. Ihr müsst aber nicht Apples hauseigenes Kopfhörer-Modell verwenden, sondern könnt auch jedes beliebige andere Lauscherpaar koppeln. Dazu geht ihr mit der Krone in die App-Übersicht, öffnet die Einstellungen und wechselt dort in den Bluetooth-Eintrag. Das Pairing mit dem Kopfhörer-Modell Jaybird Run gelingt mir dort im Test auf Anhieb.

Apps gehen schneller auf, Akku schneller leer

Äußerlich unterscheidet sich die Apple Watch 3 kaum von der Vorgängerin. Unter der Haube hat Apple hingegen die Rechenhardware kräftig getuned. Die aktuelle Generation von Apples hauseigenem Prozessor namens S3 sorgt mit einem schnelleren Dual-Core-Prozessor für deutlich kürzere Ladezeiten bei App-Starts. Anwendungen wie Feedly, Instagram, DB Navigator oder Runtastic benötigen zum Öffnen einige Sekunden weniger als mein Exemplar der Apple Watch 2. Zwar soll die Rechenkonfiguration auch für eine flüssigere Grafikdarstellung sorgen, doch in diesem Punkt erkenne ich keine spürbaren Vorteile. Die Apple Watch 3 harmoniert sehr gut mit dem watchOS-Betriebsystem in Version 4.1. Das tut das Vorgängermodell aber auch.

Schnellere Hardware und das großzügige Angebot an Funkverbindungen fordern ihren Tribut beim Energieverbrauch. LTE, WLAN und GPS sind so stromhungrig, dass ich die Cellular-Variante der Apple Watch 3 zwingend jeden Abend an der Ladestation auftanken muss. Lasse ich das iPhone liegen und nutze ausschließlich die Computeruhr, erhöht sich der Verbrauch noch. Hingegen mit der Vorgängergeneration sind 1,5 Tage ohne Steckdosenkontakt bei mir die Regellaufzeit.

Neues Armband Sport Loop

Zusätzlich zum herkömmlichen Sportarmband hat Apple mit der dritten Watch-Generation nun ein Modell namens „Sport Loop“ eingeführt. Bei meinem Exemplar der Apple Watch 3 habe ich mich für den Armband-Neuzugang entschieden. Wie unterscheidet er sich von der Standard-Variante?

Apple Watch 3 Sport Loop
Das Sport Loop Armband ist weicher und atmungsaktiver als das herkömmliche Sportarmband. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Statt aus weichem Kunststoff besteht das Sport-Loop-Modell aus einem weichen Stoffgewebe. Am Handgelenk befestigt ihr es mit einem Klettverschluss statt mit einem Druckknopf. Wie schmutzanfällig der Klettmechanismus ist, wird sich erst über die Zeit zeigen. Als One-Size-Modell konzipiert, lässt sich das Band in seiner Länge über eine Schlaufe verstellen. Dadurch ist es leichter an den Umfang des Handgelenks anzupassen. Schließlich müsst ihr euch nicht für eine kleinere oder größere Armbandöffnung entscheiden.

Das Sport-Loop-Modell ist atmungsaktiver als die Standard-Variante und klebt daher nicht so schnell schweißnass auf der Haut. Leider geht die Funktion zulasten des Designs. Zumindest meine „muschelgraue“ Farbvariante sieht kein bisschen schick aus, sondern bricht mit dem edlen Look des Uhrengehäuses aus Metall.

Fazit: Apples beste Computeruhr bietet ein bisschen mehr Freiheit

Die Apple Watch 3 mit LTE ist sinnvolle Modellpflege und erweitert die ohnehin schon vorzügliche Smartwatch um einen unabhängigen Telefon- und Internetzugang. Das ist attraktiv für alle Nutzer von Apple-Computeruhren, die ein iPhone beim Sport zu sperrig finden, aber trotzdem erreichbar sein und unterhalten werden möchten. Die Sprachqualität beim Telefonieren und das Musik-Streaming mit Apple Music sind auf hohem Niveau. Als Kommunikations- und Entertainment-Gerät hat die Apple Watch daher an Wert gewonnen.

Vollständig emanzipieren kann sie sich nicht. Denn allein die Einrichtung und die Verfügbarkeit einer Mobilfunknummer setzen weiterhin ein iPhone mit Vertrag voraus. Und weil sich zwar Kontaktdaten nutzen, Nachrichten lesen und Songs hören aber nicht editieren lassen, bleibt die Watch auch weiterhin letztlich nur eine Verlängerung eines Mobiltelefons.

Apple Watch 2 und Apple Watch 3
Die Apple Watch 3 (rechts) ist minimal dicker als die Vorgängerin. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Wer außerdem schon aus Gewohnheit nie mehr ohne iPhone das Haus verlässt, kann getrost zur Variante ohne LTE greifen. Auf diese Weise sparen sich Nutzer Akkufresser und etwas Geld. Denn neben dem Aufpreis von 80 Euro für die Cellular-Version, fallen je nach Handytarif auch 4,95 Euro monatlich für die eSIM-Karte an.

Die Apple Watch 3 mit LTE ist als Variante mit Sport-Loop-Armband und Aluminiumgehäuse im Apple Store ab 449 Euro (38-Millimeter-Display) bzw. ab 479 Euro (42-Millimeter-Display) erhältlich.


Images by Berti Kolbow-Lehradt


Berti Kolbow-Lehradt

Berti ist ein pragmatischer Tech-Nerd, der gern Dinge testet, die das Leben komfortabler gestalten und vor allem Spaß bereiten. Er liebt smarte Unterhaltungstechnik sowie digitale Fotografie – und gibt gern Ratschläge dazu. Daher auch der Spitzname „RatgeBerti“. Wäre er nicht Technik-Journalist geworden, dann in einem anderen Leben vielleicht Superheld mit Technik-Overkill (Batman?) oder menschlicher Side-Kick bei den Transformers.

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