Mit dem iPhone den Fußboden reinigen: Der Saugroboter Ecovacs Deebot R95 im Test

In den bundesdeutschen Smart Homes gewinnen Staubsaugerroboter immer mehr an Boden. Sie sind allerdings nicht etwa deshalb so beliebt, weil sie so exorbitant gut reinigen würden. In diesem Punkt haben herkömmliche Sauger die Bürstennase nach wie vor vorn. Es ist die Bequemlichkeit, die sich Verbraucher erkaufen, wenn sie sich einen Teil der lästigen Bodenreinigung von einem Roboter abnehmen lassen. Diesen Komfortvorsprung wollen die Hersteller mit immer ausgefeilteren Smartphone-Steuerkonzepten ausbauen. Das gilt auch für den Newcomer Ecovacs, der mit einem besonders klugen Kartierung- und Navigationssystem punkten will. Ich habe das Modell Ecovacs Deebot R95 samt iPhone-App in der Praxis auf die Probe gestellt.

Einsamer Wolf mit Laserscanner

Erst seit 2016 in Deutschland aktiv, hat sich Ecovacs aus dem Stand eine führende Marktposition erobert. Jeder fünfte hierzulande verkaufte Staubsaugerroboter stammt eigenen Angaben zufolge von dem chinesischen Hersteller. Mit stylischen und preislich schlank kalkulierten Geräten zwischen 100 und 350 Euro will er Masse machen, mit hochgerüsteten Geräten zwischen rund 500 und 800 Euro die technikaffinen Early Adopter begeistern. Der Deebot R95 für 499 Euro gehört zu letzterer Kategorie.

Der fünf Kilogramm schwere, 33 Zentimeter durchmessende und 10 Zentimeter hohe Haushaltsroboter streift wie ein einsamer Wolf durch das Heim. Er saugt selbsttätig den Boden ab, bis der Akku fast leer ist. Dann fährt er automatisch zur Ladestation. Dabei navigiert der Deebot R95 nicht wie viele andere Modelle zufällig, sondern fährt die zuvor per Laserscan kartierte Umgebung systematisch und damit effizient ab.

To-Do-App für einen Roboter

Zwar kann ich den Ecovacs-Roboter per Tastendruck am Gehäuse in Betrieb nehmen und ihn seinen Job vollautomatisch erledigen lassen. Aber das volle Potenzial des Geräts nutze ich erst, wenn ich zur Smartphone-App greife. Weil der Roboter kein Display hat, ist es sehr praktisch, dass ich ihn mit meinem Smartphone fernbedienen kann. Die Ecovacs-App für iPhones ab iOS 9 ist für den Deebot R95 wie eine Art Gassi-Leine, die ich je nach Bedarf lang oder kurz führen kann.

An der langen Leine laufen lasse ich ihn mit einer Zeit- und Aufgabenplanung. Dann reinigt er zu einer bestimmten Zeit an definierten Wochentagen entweder die gesamte Wohnfläche oder ausgewählte Bereiche automatisch. Ist mir mal wieder eine Chipstüte umgekippt, kann ich den Ecovacs Deebot R95 an der kurzen Leine führen und ihn einen bestimmten Raum oder einen Punkt gezielt reinigen lassen.

Der Ecovacs Deebot R95 in der Praxis

Damit der Deebot R95 sich orientieren kann, muss er sein Revier zunächst kennenlernen. Erst nach einem Kartierungsvorgang ist ein Regelbetrieb möglich.

Der Prozess gestaltet sich am Beginn alles andere als autonom oder smart. Weil der Deebot R95 sich wiederholt in engen Nischen oder auf den Bodenplatten der Katzenkratzbäume festmanövriert, muss ich ihn ganz analog und mechanisch mit meiner händischen Menschenkraft befreien. Wie ich daraufhin erfahre, muss ich während des Kartierungsprozesses alle Stehrümchen vom Boden entfernen. Danach darf ich sie zurück räumen.

Die Kartierung ist die Voraussetzung für die programmierbare Zeit- und Aufgabenplanung. Die funktioniert grundsätzlich gut. Während der Testphase geht der Ecovacs Deebot R95 täglich um 10 Uhr auf Krümel-Patrouille. Praktisch: Das Gerät kann Räume voneinander unterscheiden, sodass ich nur bestimmte Bereiche der Wohnung für die Reinigung programmieren kann. Zudem kann in ich der App die Bereiche anpassen und umbenennen.

Die Erkennungsleistung ist im Regelbetrieb deutlich besser als während der Kartierung. Aber perfekt ist sie bei weitem nicht. Zum Beispiel mit anhänglichen Zierteppichen, dem feindlichen Luftraum unter meiner Ikea-Schlafcouch sowie unübersichtlichen Gemengelagen aus Tischbeinen, Bürodrehstühlen und Bodenvasen steht der Deebot R95 auf Kriegsfuß. Zum Glück kann ich mit der App schlichten.

Ecovacs Deebot R95
Per App kann ich Bereiche markieren, die für den Ecovacs Deebot R95 tabu sind. Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt

Mittels des Vergrößern-Buttons kann ich die App in die Queransicht schalten und dort eine der hilfreichsten Funktionen aktivieren, die Ecovacs zu bieten hat. Bereiche, die für den Deebot R95 tabu sind, kann ich dort mit Linien und Vierecken markieren. Das ist deutlich bequemer als die Lösungen anderer Hersteller, die zu diesem Zweck Magnet- oder Lichtschranken als optionales Zubehör anbieten.

Bitte ein Update für Scan-Leistung und App-Bedienung

Da allerdings die gescannte Bodenfläche in der App eher wie abstrakte Kunst als wie eine übersichtliche Karte aussieht, fällt es mir sehr schwer, die gewünschten No-Go-Areas präzise zu markieren. Dieses Präzisionsproblem beeinträchtigt auch die Punktreinigung. Bis ich auf der Karte die exakte Position gefunden habe, die der Roboter in der realen Welt reinigen soll, muss ich meist mehr als einmal aufs Display tippen.

Überhaupt wirkt der Roboter trotz des vermeintlich tollen Scan-Systems nicht immer perfekt orientiert. Oft zieht er konfus seine Bahnen. Das soll effizient sein? Zudem ertappe ich ihn währen seiner programmierten Routinen dabei, dass er nicht immer die gesamte Fläche abfährt. Und muss ich ihn ausnahmsweise doch aus einer verfahrenen Situation befreien, bleibt er hin und wieder schockiert stehen anstatt seine Streife automatisch fortzusetzen.

Auch aus dem Zusammenspiel zwischen App (getestete Version 1.2.7) und Deebot (getestete Firmware 0.4.5) hat Ecovacs definitiv noch nicht das Optimum herausgeholt. Immer wieder reagiert die Anwendung träge oder hängt sich auf. Mitunter muss ich aus unerklärlichen Gründen die bereits erstellte Wohnungskarte aus einem Backup wiederherstellen. Die wird übrigens im Web gespeichert. Die Ecovacs-App und der Deebot funken nämlich nicht direkt, sondern via Cloud miteinander. Daher müssen sich Benutzer auch einen eigenen Account einrichten. Für Datenschutzfreunde ist das keine ideale Lösung.

Ecovacs Deebot R95
Image by Ecovacs

Saugt sauber genug

Übrigens geht die Reinigungsleistung beim Saugen aus meiner Sicht in Ordnung. Größere Lappalien wie Studentenfutterkrümel um meinen Schreibtisch herum und Katzenstreu beseitigt der Deebot R95 auf Hartboden zuverlässig. Beim Teppich kommt er aber bauartbedingt nicht an die Saugleistung eines konventionellen Geräts heran. Die händische Reinigung kann der Deebot also nur ergänzen aber nicht ersetzen.

Fazit

Der Staubsaugerroboter Ecovacs Deebot R95 ist für 499 Euro eine teure, nur teilweise im Haushalt entlastende Technik-Spielerei für Enthusiasten. Der Roboter braucht in einer längeren Einrichtungsphase viel Zuwendung, um ihn perfekt auf die Umgebung und die Umgebung perfekt auf ihn einzustimmen. Die Smartphone-Steuerung ist noch nicht ausgereift.

Die Fernbedienungs-App bietet aber praktische Features. Wenn Ecovacs die guten Ansätze optimiert, könnte was Großes entstehen. Ein umfangreiches Firmware-Update hat der Hersteller in Aussicht gestellt. Er will es in diesen Tagen im Zuge des Marktstarts des Nachfolgemodells Deebot R98 veröffentlichen. Neben einer besseren Software-Usability und präziseren Erkennungsleistung des Geräts soll das Update eine Integration in ein Heimautomatisierungssystem ermöglichen. Leider hat sich Ecovacs bisher nicht für Apple HomeKit erwärmen können, sondern für Amazon Alexa entschieden.

Angesichts der bislang ausbaufähigen Usability und der ohnehin bauartbedingt unterlegenen Reinigungsleistung empfehle ich, mit einem Kauf zu warten.


Images by Ecovacs, Berti Kolbow-Lehradt


Berti Kolbow-Lehradt

Berti ist ein pragmatischer Tech-Nerd, der gern Dinge testet, die das Leben komfortabler gestalten und vor allem Spaß bereiten. Er liebt smarte Unterhaltungstechnik sowie digitale Fotografie – und gibt gern Ratschläge dazu. Daher auch der Spitzname „RatgeBerti“. Wäre er nicht Technik-Journalist geworden, dann in einem anderen Leben vielleicht Superheld mit Technik-Overkill (Batman?) oder menschlicher Side-Kick bei den Transformers.

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