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FiLMiC Pro 6: Die ultimative Videokamera-App fürs iPhone im Test

Das Thema Filmen mit dem Smartphone ist derzeit so relevant wie nie. FiLMiC Pro ist eine Videokamera-App, die professionelle Kamerafunktionen auf das iPhone holt. Nun hat der Hersteller die Software generalüberholt und bringt in Version 6 beeindruckende und professionelle Features. Sie gehen weit über das hinaus, was das iPhone selbst bietet. Mit FiLMiC Pro 6 wird euer iPhone zu einer Profi-Videokamera!

Schon auf etlichen internationalen Filmfestivals haben Smartphone-Projekte für viel Aufsehen gesorgt, das bekannteste Beispiel ist wohl der fast komplett auf einem iPhone 5S gedrehte 87-Minüter „Tangerine“, der nicht nur die Jury des renommierten Indie-Filmfestivals Sundance begeisterte.

Mit dem nötigen Grundwissen lassen sich mit modernen Smartphones längst professionelle Videos produzieren – die wichtigsten Dinge habe ich euch hier zusammengefasst. Doch wer die volle Kontrolle über sein Material behalten will, muss in der Lage sein, möglichst viele Einstellungen manuell zu treffen. Dafür ist eine leistungsstarke App wichtig.

Die mitgelieferte Kamera-App des iPhone ist so, wie wir es von Apple gewohnt sind: Übersichtlich, einfach und reduziert. Das ist für das schnelle Urlaubsvideo nicht schlecht. Wollen wir aber weiter einsteigen, reicht das nicht. Bei FiLMiC Pro kommen nicht nur Hobbyfilmer auf ihre Kosten, gerade Profis werden überrascht sein, welche Bandbreite an Features die App mitbringt.

FiLMiC Pro 6 bietet mehr Funktionen als viele Profi-Kameras

Das Basis-Interface ist recht übersichtlich. Auf der rechten Seite finden sich Buttons für Record, Play und die Einstellungen sowie ein Zoom-Slider. Das digitale Zoomen ist auf dem Smartphone natürlich so eine Sache, mit einer zweiten Linse wie beim iPhone 7 Plus macht das aber Sinn.

FiLMiC Pro 6
Screenshot by FiLMiC

Im Infoblock unten mittig finden sich Akku- und Speicherstand, Clip-Länge und Tonpegel sowie eingestellte Framerate und Auflösung. Beim Tippen darauf kann man durch die folgenden Werkzeuge zur Belichtungskontrolle schalten: Luma-Histogramm, RGB-Histogramm und Waveform. Noch mehr davon gibt es mit dem Button links daneben: Zebra, Clipping, False Color und Fokus-Peaking.

Abgesehen vom Histogramm sind das übrigens durchgehend Funktionen, die man bei den meisten semiprofessionellen Modellen bis heute vermisst und bislang den professionellen Video- und Filmkameras vorbehalten waren.

FiLMiC Pro 6
Screenshot by FiLMiC

In den Einstellungen schließlich finden sich etliche weitere Features: FiLMiC Pro 6 schafft auf dem iPhone 7 30 Frames in 4K (2160p) und 120 Frames in FHD (1080p). Es gibt außerdem Funktionen für Timelapse, Audioauflösung, Produktions-Metadaten und Support für etliche externe Hardware.

Belichtung und Fokus: Halbautomatisch oder komplett manuell

Bei Belichtung und Fokus hat man zwei Möglichkeiten. Entweder man kann in einer Art Halbautomatik die Referenzpunkte bestimmen und die App die Arbeit machen lassen. Dazu gibt es zwei Elemente, die sich mit dem Finger verschieben lassen: Einen Kreis für die Belichtung und eine Art Fadenkreuz für den Fokus. Gewöhnliche Kamera-Apps haben nur ein Element für beide Disziplinen.

Ein konkretes Beispiel: Eine helle Szenerie mit unscharfem Hintergrund, in der ein dunkles Objekt im Vordergrund liegt und scharf sein soll. Die mitgelieferte Kamera-App würde nun beim Tippen auf das Objekt zwar korrekt scharfstellen, das Bild aber gnadenlos überbelichten.

Im manuellen Modus bekommen wir je ein Einstellrad links und rechts. Links die Belichtung, rechts der Fokus oder wahlweise der Zoom. Nun kann ich beides manuell fixieren. Das ist etwa dann praktisch, wenn es im obigen Beispiel nicht um ein festes Objekt, sondern um Personen geht, die sich vor dem hellen Hintergrund bewegen.

Im halbautomatischen Modus würde die App die Belichtung ins Falsche korrigieren, sobald eine Person durch das Belichtungsfeld läuft. Mit der fixierten Belichtung kann das nicht mehr passieren.

Bleibt noch das RGB-Feld ganz links unten, dessen Antippen drei wichtige Unterpunkte bietet. Zum einen kann hier der Weißabgleich exakt festgelegt werden, inklusive der Einstellung auf das Grad Kelvin genau und der Grün/Magenta-Korrektur. Natürlich geht auch der automatische Weißabgleich.

Mehr Details: Profis werden die LOG-Funktion lieben

Das nächste Feature-Set ist für Hobbyanwender relativ uninteressant, könnte aber dem ein oder anderen Profi kurz den Atem nehmen: FiLMiC Pro 6 ist die erste Smartphone-App, die in einem logarithmischen Farbprofil drehen kann. Mit dem „Cinematographer-Kit“ für weitere 9,99 Euro gibt es neben „FiLMiC LOG“ weitere Profi-Features wie Farbkanalanpassung, Rauschunterdrückung, Weiß-/Schwarzpunkt und Tonkurven.

FiLMiC Pro 6
Screenshot by FiLMiC

Sehr vereinfacht gesagt hilft das logarithmische Format, möglichst viel Dynamikumfang zwischen Schwarz und Weiß aufzunehmen. Im Standardprofil nehmen Kameras so auf, dass der dunkelste Punkt schwarz und der hellste Punkt weiß ist. Das Bild ist dann direkt „knackig“, die Informationen an den beiden Enden wie dunkler Kleidung oder hellen Wolken sind jedoch unwiederbringlich weg (Filmemacher und Fotografen nennen das oft „abgesoffen“ und „ausgebrannt“).

Color Grading
Links das Bild im logarithmischen Format (Alexa Log-C), rechts mit der dazugehörigen Korrektur-Kurve („Look-Up Table“). In der Analysegrafik („Waveform“) stehen die Werte 0 und 1023 für Schwarz und Weiß. Image by Anton Knoblach

Die logarithmische Kurve hingegen „biegt“ alle Helligkeitswerte in die Mitte, was zunächst ein graues und „matschiges“ Bild liefert. Nun ist aber nach oben und unten noch Platz für noch hellere beziehungsweise noch dunklere Werte, was in der Grafik oben gut zu sehen ist. In der Postproduktion wird die logarithmische Kurve umgekehrt, das Bild bekommt seinen Kontrast zurück und hat nun mehr Details – was schließlich mehr Raum für das Color Grading, also die Farbgestaltung des Film-Looks lässt.

Fazit: So geht professionelles Filmen mit dem Smartphone

Alles kann, alles muss: Es ist für das Jahr 2017 nur konsequent, eine App zu entwickeln, die die immense Rechenpower moderner Smartphones für Videozwecke nutzt. Die Verlierer könnten die Hersteller von Foto-Video-Hybriden wie die Dauerbrenner Canon 5D oder Sony Alpha 7S sein. Was softwaretechnisch seit Jahren möglich wäre, wird hier absichtlich weggelassen, um genügend Kaufanreize für die größeren Modelle zu lassen.

Deswegen ist es nicht nur so, dass FiLMiC Pro 6 mit dem neuen Update den Abstand zu semi-professionellen Kameras verkleinert. Im Gegenteil gibt es nun Features, von denen etwa 5D-User nicht einmal zu träumen wagen. Der Preis von 14,99 Euro plus eventuell 9,99 für das Erweiterungs-Kit mögen kurz weh tun, lohnen sich aber definitiv.

Natürlich ist letztendlich die Kamera selbst der Flaschenhals der Smartphone-Videografie. In Sachen Sensoren und Signalverarbeitung lassen professionelle Modelle jedes Smartphone links liegen. Die Entwicklung ist aber nicht zu unterschätzen. Mit dem optischen Zoom des iPhone 7 Plus, zusätzlichen Objektiven und der Unterstützung für professionelles Audio-Equipment kann das oft belächelte Smartphone-Filmen nun einen festen Stand in der Videowelt behaupten. Gerade Content-Agenturen und Unternehmen haben immer bessere Möglichkeiten, extrem günstig zu produzieren.


Images by unfourseen/Julian Cohn/Anton Knoblach, Screenshots by FiLMiC


Anton Knoblach

ist freier Producer und Colorist in Berlin und Mitgründer der Werbefilmproduktionsfirma unfourseen. Zu einem gelungenen Tag gehören für ihn Musik, gutes Essen und viel Abwechslung. Anton liebt Struktur, schnelle Technik und starke Bilder.

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