iPhone 8 Plus im Test: Spaß im Glas

10 Jahre nach dem ersten iPhone will Apple sich mit dem iPhone X nicht nur auf ein radikal überarbeitetes Jubiläumsmodell beschränken. Zusätzlich betreibt das Tech-Unternehmen vorsichtige Modellpflege und präsentiert mit dem iPhone 8 Plus eine geringfügige Aktualisierung des Vorjahres-Flaggschiffs. Ein Gehäuse aus Glas, mehr Porträtfilter für die Dual-Kamera und kabelloses Aufladen sind die wesentlichsten Neuerungen beim iPhone 8 Plus. Ob das für eine Kaufempfehlung genügt, habe ich im Praxistest geprüft.

Altes Design im neuen Glasgehäuse

Bei der Formsprache des Gehäuses hat Apple im Vergleich zum iPhone 7 Plus praktisch nichts geändert. Formfaktor und Tastenanordnung sind identisch. Der Klinkenanschluss kehrt ebenfalls nicht zurück.

Das iPhone 8 Plus ist lediglich in jeder Dimension um ein paar zehntel Millimeter gewachsen und außerdem 14 Gramm schwerer. Das können Auge und Hand aber nur bei akribischem Vergleichen der beiden Modelle wahrnehmen. Zudem sind die physischen Änderungen so minimal, dass sogar vorhandene Hüllen der Vorgänger-Generation weiterhin passen.

Verarbeitung und Optik sind auf Spitzenniveau. Nur der etwas breite Rahmen ums Display ist in Zeiten des Fullscreen-Designs wie beim Galaxy Note 8 oder LG V30 etwas aus der Mode gefallen. Mit dem angekündigten iPhone X hat Apple ja immerhin schon den Paradigmenwechsel eingeläutet.

Die auffälligste Design-Neuerung beim iPhone 8 Plus besteht in dem auf der Rückseite verwendeten Material. So kommt erstmals seit dem iPhone 4 wieder eine Deckschicht aus Glas zum Einsatz. Dies ist weniger eine ästhetische Entscheidung, als vielmehr dem Ziel geschuldet, das Gerät kabellos aufladen zu können. Bei nicht-leitfähigem Glas ist das viel leichter zu realisieren.

Das gläserne Kleid wirkt genauso homogen und gefällig, fühlt sich aber kühler und glatter an als die Aluminium-Oberfläche des Vorgängers. Mit welcher Art Glasverbund Apple das Gerät vor Kratzern und Stößen schützt, nennt das Unternehmen nicht. Bekannt ist nur, dass das iPhone 8 Plus für mehr Stabilität durch eine Unterkonstruktion aus Stahl verstärkt und von einem Aluminiumrahmen eingefasst wird. Ungeachtet des neuen Materialmixes ist auch das iPhone 8 Plus gemäß IP67-Standard gegen Staub und Flüssigkeiten geschützt.

iPhone 8 Plus
Die Farbvariante „Space-Grau“ tendiert eher ins Weiße. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Überraschend finde ich die Farbgebung. Die Rückseite meines „space-grauen“ Testexemplars ist nur sehr dezent als grau zu erkennen und tendiert stark ins Weiße. Für die Sichtbarkeit von Fettfingern ist das von Vorteil. Schlieren fallen dadurch weniger schnell auf.

Noch helleres und kontrastreicheres Display

Beim Display setzt Apple unverändert auf ein IPS-Panel mit Full-HD-Auflösung, was bei einer Diagonalen von 5,5 Zoll nicht Spitze ist, aber dennoch für eine einwandfrei scharfe und detailreiche Darstellung sorgt. Obwohl Leuchtkraft, Kontrastumfang und Farbwiedergabe mich schon beim iPhone 7 Plus begeistert haben, gelingt es Apple beim Nachfolger in punkto Bildqualität neue Maßstäbe zu setzen. Das Display des iPhone 8 Plus wirkt abermals einen Tick heller und kontrastreicher.

iPhone 8 Plus
Image by Berti Kolbow-Lehradt

Nicht zwingend für eine bessere, aber für eine natürlichere Darstellung sorgt der neue Weißabgleich namens True Tone. Nach dem iPad Pro 10.5 erhalten auch das iPhone 8 und iPhone 8 Plus dieses Feature. Es sorgt mittels eines Vierkanal-Umgebungslichtsensors dafür, dass sich die Farbtemperatur des Displays automatisch an die Farbtemperatur der Beleuchtung anpasst. Sitzt ihr unter einer warmweißen Lampe, wird auch das Display etwas wärmer, sprich etwas gelblicher gestellt. Hingegen bei neutralweißem Tageslicht wird der Blauanteil der Hintergrundbeleuchtung verstärkt, sodass das Display kühler wirkt.

Ich empfinde True Tone als ungewohnt, bin aber gespannt, ob das Feature auf Dauer tatsächlich so viel augenfreundlicher ist, wie Apple in Aussicht stellt. In jedem Fall gilt: Wollt ihr Fotos mit möglichst exakter Farbwiedergabe bearbeiten, ist True Tone nicht empfehlenswert. Daher könnt ihr das Feature auch unter Einstellungen / Anzeige & Helligkeit deaktivieren.

Mäusekino: HDR bietet einen kleinen Vorteil

Apple bereitet sein Ökosystem Zug um Zug auf Heimkino in 4K und HDR vor. Sendungen in 4K-Auflösung kann das iPhone 8 Plus zwar nicht darstellen, dafür aber in High Dynamic Range (HDR). Diese Hochkontrastbilder beinhalten mehr Farbnuancen und mehr Helligkeitsunterschiede. Sehr helle Bildbestandteile wirken noch strahlender, Farben realistischer und brillanter.

Neben Apples hauseigenem iTunes Store hat jetzt auch Netflix HDR-Inhalte für iOS-Geräte freigegeben. Dazu zählt auch das iPhone 8 Plus. Testweise habe ich mir Folgen der neuen Serie „Star Trek: Discovery“ angeguckt. Sie liegt im HDR-Format Dolby Vision vor. Im Vergleich zu einem iPhone 7 Plus wirkt die Bildqualität tatsächlich etwas brillanter.

Aber der Mehrwert ist sehr subtil und keinesfalls so überragend wie auf einem HDR-fähigen Fernseher. Dies habe ich auch schon beim Test des Galaxy Tab S3 so empfunden. Der Grund: Mobilgeräte können derzeit einfach nicht so hell leuchten wie große TV-Bildschirme. Insofern bereitet das Display des iPhone 8 Plus zwar große Freude. Aber der Vorteil gegenüber dem Vorgängermodell ist zu klein, um kaufentscheidend zu sein.

Zwei iPhone-Lautsprecher drehen auf

Zu einem guten Filmvergnügen gehört natürlich auch der Sound. Laut Apple wurden die in der Unterseite integrierten Stereo-Lautsprecher in der neuen iPhone-Generation überarbeitet. Demnach seien sie 25 Prozent lauter und würden tiefere Bässe liefern. Im direkten Vergleich mit einem iPhone 7 Plus kann ich das bestätigen. Die Lautsprecher im iPhone 8 Plus liefern mehr Bassvolumen und sind präsenter. Mehr als bei Filmen wirkt sich das bei Musik aus. Tatsächlich macht es mir noch etwas mehr Spaß, meine Apple-Music-Sammlung mit dem neuen Modell zu erleben.

iPhone 8 Plus
Die verbesserten Stereo-Lautsprecher sind toll. Und Touch ID im Home-Button funktioniert ebenfalls gut. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Smartphone-Kamera mit dem gewissen Plus

Den Titel der „besten Smartphone-Kamera“ musste das iPhone 8 Plus im Bildqualitätsbarometer DxO-Mark zwar rasch wieder an das Google Pixel 2 abtreten. Dennoch ist die Güte der Kameraleistung im mobilen Bereich über jeden Zweifel erhaben. Schärfe, Kontrast und Farbtreue sind eine Freude. Starke Belichtungsunterschiede zwischen sehr hellen und sehr dunklen Bildbereichen meistert die JPG-Engine des iPhone 8 Plus dank automatischer HDR-Funktion sehr gut. Qualitative Unterschiede zwischen dem aktuellen und vorherigen iPhone-Modell sind mit bloßem Auge schwer zu erkennen. Sie sind aber im messbaren Bereich vorhanden, wie eben zum Beispiel der DxO-Mark nahelegt.

iPhone 8 Plus
Image by Berti Kolbow-Lehradt

Die Foto-Hardware ist unverändert leistungsstark geblieben. Das iPhone 8 Plus bietet eine Dual-Kamera mit einem Weitwinkelobjektiv mit 28 Millimetern Brennweite und f/1.8-Blende sowie ein Objektiv mit normaler bis leichter Telebrennweite von 56 Millimetern und f/2.8-Blende. Der Bildsensor löst mit 12 Megapixeln auf. Fotos und Videos schützt ein optischer Bildstabilisator vor Verwacklern.

Dass das iPhone 8 Plus seinen Vorgänger in Sachen Kamera übertrumpft, liegt an der besseren internen Verarbeitung der Bilder. Dafür sorgen ein neuer Bildsignalprozessor und der neue Hauptprozessor A11 Bionic. Sie verbessern durch eine ausgeklügelte Gesichtserkennung und Tiefenkartierung die Berechnung des Bokeh-Effekts im Porträtmodus. Dies ist die wohl bedeutendste Eigenschaft von Apples Dual-Kamera.

Porträtmodus super, Porträtlicht noch verbesserungswürdig

Die Kamera-Software schafft es, Tiefeninformationen so zu verarbeiten, dass sie ein Hauptmotiv durch einen unscharfen Hintergrund künstlerisch betont. Dies setzt eigentlich Kameras mit viel größerem Bildsensor voraus. Im Vergleich zum iPhone 7 Plus, gelingt dem neuen Modell bei Porträts ein noch realistischer Übergang zwischen Schärfe und Unschärfe.

Hingegen durchwachsen ist mein Eindruck von der neuen Funktion namens Porträtlicht, die Apple im Beta-Status in die Kamera-App integriert hat. Sie ergänzt den Bokeh-Effekt um die Simulation von vier verschiedenen Lichtsettings, wie sie typisch für Studioaufnahmen sind. Die Berechnung ist aber noch verbesserungswürdig, weil die Effekte zum Teil sehr künstlich wirken.

Bestmögliche Ergebnisse setzen meinen Erfahrungen zufolge ein paar Bedingungen voraus. Beispielsweise wirken die Lichtfilter am besten in Innenräumen mit Lichtquellen, die für Seitenlicht sorgen und damit das Gesicht schon ein Stück weit konturieren. Außerdem solltet ihr keinen zu großen Bildausschnitt wählen. Denn der Softwarefilter wird nur auf das Gesicht angewendet, nicht auf die Kleidung oder den Rest des Oberkörpers. Nutzt ihr die Porträtlicht-Modi für ein Halbporträt bei diffusem Licht draußen, wirkt das Gesicht wie falsch reinmontiert.

Testbilder vom Porträtmodus mit und ohne Porträtlicht

Genug Rechenleistung für die Augmented Reality

Leistungsmäßig gehört das iPhone 7 Plus mit seinem A10-Fusion-Prozessor ein Jahr nach der Veröffentlichung noch längst nicht zum alten Eisen. Dennoch legt Apple erwartungsgemäß beim aktuellen Modell eine Schippe drauf. So soll der A11 Bionic 25 Prozent schneller rechnen. Die im Prozessor integrierte Grafikeinheit sei gar um 30 Prozent leistungsstärker. Der Arbeitsspeicher beträgt weiterhin 3 GB. In der Praxis erkenne ich aber keinen Unterschied.

Beispielsweise laufen für Augmented Reality designte Spiele wie The Machines, AR Dragon, HoloGrid: Monster Battle AR oder My Country auf dem iPhone 8 Plus dem Augenschein nach genauso flüssig wie auf dem Vorgänger-iPhone. Dabei sind das mit die anspruchsvollsten Anwendungen, die man dem Gerät zum Rechnen geben kann. Hier zeigt sich, dass die gelungene Darstellung von Augmented Reality keine Frage der Hardware, sondern auf die Integration der Software-Schnittstelle ARKit in iOS 11 zurückzuführen ist. Und das läuft ja auch auf dem iPhone 7 Plus.

iPhone 8 Plus
Augmented Reality wie hier beim Spiel „The Machines“ macht auf dem iPhone 8 Plus Spaß, funktioniert aber auf dem iPhone 7 Plus genauso gut, weil AR ein generelles Feature von iOS 11 ist. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Unterm Strich ist das iPhone 8 Plus daher erwartungsgemäß ein sehr rechenstarkes Smartphone, das selbst grafisch aufwendige Apps mühelos bewältigt. Alltagsaufgaben sind ohnehin keine Herausforderung. Die Spiele und Produktivanwendungen, die das Spitzen-Smartphone an seine Grenzen bringen könnten, müssen erst noch erscheinen.

Das kabellose iPhone: Akku laden ohne Strippen

Obwohl der Akku im iPhone 8 Plus minimal kleiner (2.800 mAh) als im iPhone 7 Plus (2.910 mAh) ist, wirkte sich dies im Test nicht negativ aus. Eine Akkuladung brachte mich trotzdem mindestens von Nacht zu Nacht, zumal ich ohnehin dazu neige, bei jeder Gelegenheit das Gerät zwischenzeitlich aufzuladen.

Glücklicherweise wird es bei der aktuellen Generation bequemer, das iPhone mit neuer Energie zu versorgen. Denn endlich unterstützen auch die Apple-Smartphones das kabellose Laden. So reize ich die Möglichkeiten meiner Ikea-Schreibtischlampe endlich aus. Diese hat eine induktive Ladefläche mit dem weit verbreiteten Qi-Standard integriert, den auch das iPhone 8 Plus unterstützt. Apple macht hier also ausnahmsweise keinen Alleingang.

iPhone 8 Plus
Zum Lieferumfang des iPhone 8 Plus gehört nur das Standard-Netzteil. Ein Schnelllade-Netzteil müsst ihr ebenso dazu kaufen wie eine induktive Ladestation. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Wenn das Laden besonders schnell gehen soll, braucht ihr aber doch eine Kabelverbindung. Denn das iPhone 8 Plus unterstützt den Schnelllade-Standard Quick Charge. Dadurch kann es in 30 Minuten 50 Prozent seiner Ladekapazität erreichen. Das geht aber nur mit einer kabelgebundenen Aufladung. Außerdem setzt dieser Vorgang zusätzliches Zubehör voraus, das bei Apple direkt mindestens 88 Euro kostet. Mit dem im Lieferumfang enthaltenen Netzteil geht das nicht (siehe Fußnote 12 auf der Produktvergleichsseite).

Stolzer Preis für ein gutes Ökosystem

Beim Preis des iPhones hat Apple schon immer ins höchste Regal gegriffen. Angesichts der Debatte um die Teuerung bei Premium-Smartphones sei aber darauf hingewiesen, dass das iPhone 8 Plus nicht nennenswert mehr kostet als sein Vorgänger. Schließlich ist die Einstiegsversion mit 64 GB ist mit einem Preis von 909 Euro auf dem gleichen Niveau wie das iPhone 7 Plus (899 Euro). Die Variante mit 256 GB (1.079 Euro) ist hingegen sogar 40 Euro günstiger als das Modell aus dem Vorjahr. Dennoch bleiben das natürlich stolze Preise, die sich nicht allein durch den Nutzwert der Hardware rechtfertigen lassen. Das perfekt aufeinander abgestimmte Ökosystem von Apple sowie vier bis sechs Jahre garantierter iOS-Updates relativieren dies jedoch.

Fazit: iPhone 8 Plus ist sinnvolle Modellpflege

Das iPhone 8 Plus ist ein grandioses Apple-Smartphone, das die beliebte Vorgänger-Generation zurückhaltend aber sinnvoll aktualisiert. Denn schick und gut verarbeitet ist es wie eh und je. Außerdem befriedigen Display und Kamera höchste Ansprüche. Die Rechenleistung ist ebenfalls über jeden Zweifel erhaben. Zusammen mit iOS 11 ist das iPhone 8 Plus deshalb ein richtig gutes Paket.

Allerdings ist der Mehrwert zum Vorjahresmodell so gering wie bei kaum einem Generationsprung zuvor. Ob Kamera, Display oder Lautsprecher. Das iPhone 8 Plus ist in vielen Bereichen minimal besser, aber eben nicht entscheidend. Beispielsweise ist der Porträtlicht-Effekt in dieser Form nur Spielerei. Die Fähigkeit HDR-Videos abzuspielen, ist ebenfalls kein Must-have. Hingegen den True-Tone-Weißabgleich mag vielleicht so mancher als angenehm empfinden. Aber die wichtigste neue Eigenschafte ist die Möglichkeit des kabellosen Ladens. Ein Upgrade vom iPhone 7 Plus dürfte das aber nur für wenige Bestandsnutzer rechtfertigen.

iPhone 8 Plus
Image by Berti Kolbow-Lehradt

Sie sollten ihre Vorfreude stattdessen auf das wahre Innovationsprodukt von Apple konzentrieren: das iPhone X. Dies kann schließlich all das, was das iPhone 8 Plus bietet und noch mehr. Denn darüber hinaus bietet es ein zeitgemäßes, randloses Display, einen Bokeh-Effekt auch in der Frontkamera sowie die Gesichtserkennungstechnologie Face ID. Nur wer die Design-Formsprache seit den iPhones von 2014 nicht missen möchte, und das neue Design des iPhone X zu gewagt findet, sollte schon jetzt beim iPhone 8 Plus zuschlagen.


Images by Berti Kolbow-Lehradt, Britta Lehradt


Berti Kolbow-Lehradt

Berti ist ein pragmatischer Tech-Nerd, der gern Dinge testet, die das Leben komfortabler gestalten und vor allem Spaß bereiten. Er liebt smarte Unterhaltungstechnik sowie digitale Fotografie – und gibt gern Ratschläge dazu. Daher auch der Spitzname „RatgeBerti“. Wäre er nicht Technik-Journalist geworden, dann in einem anderen Leben vielleicht Superheld mit Technik-Overkill (Batman?) oder menschlicher Side-Kick bei den Transformers.

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