Lohnt das Warten auf die AirPods? Erato Apollo 7 und Motorola VerveOnes im Test

Als das iPhone 7 das Licht der Welt erblickte, war es für viele ein Schock: Dem Baby fehlt doch was! Richtig – der Audioausgang ist futsch. Keine Klinkenbuchse mehr. Meiner Meinung nach ein längst überfälliger Schritt. Kabellos ist die Zukunft! Zeitgleich habe ich mich gefragt, wie das wohl so werden wird. Mit dem iPhone 7 und Musikhören. Dafür hatte Apple während der Keynote im September gleich eine Antwort geliefert: die völlig kabelbefreiten Bluetooth-Kopfhörer AirPods. Sie befinden sich jedoch seit längerem im Wartesaal der Ankündigungs- und Vorbestellungshölle. Für 180 Euro in den Warenkorb legen könnt ihr sie zwar endlich. Aber die voraussichtliche Lieferzeit beträgt rund sechs Wochen.

Daher habe ich mich auf die Suche nach wirklich verfügbaren Alternativen zu den AirPods begeben. Gefunden habe ich zum einen die Apollo 7 (300 Euro), die Hersteller Erato als „die kleinsten Bluetooth-Kopfhörer der Welt“ bezeichnet. Zum anderen habe ich mir die VerveOnes von Motorola (200 Euro) angehört, die lange ohne Nachladen auskommen sollen.

Goldener Schuss? Die Sound-Patronen Apollo 7 von Erato getestet

Die Bluetooth-Knöpfe von Erato sehen aus wie kleine goldene Patronen. Sie sind mit vier Gramm pro Stöpsel sehr leicht und zierlich – die Plastikoberfläche in Alu-Optik macht sie sehr ansehnlich. Beide BT-Hörer verfügen über je einen Schalter und können daher unabhängig voneinander mit dem Smartphone gekoppelt werden. Im Alltag hat sich das als besonders praktisch erwiesen. Zwar muss der rechte sowie der linke Ohrhörer je einzeln verbunden werden. Dafür traten während des Testzeitraums von mehreren Wochen keine Störungen auf. Bei herkömmlichen Geräten erhält ein Neben-Hörer das Signal über den Haupt-Hörer.dsc_0130

Akkulaufzeit ein Drittel kürzer als angegeben

Geliefert werden die Apollo 7 in einer farblich passenden Aufladebox aus Aluminium und Plastik, in der die Kopfhörer zweimal voll auflädt.Die Box selbst lädt über ein mitgeliefertes Micro-USB-Kabel. An der rechten Boxseite wird die Schublade aus der Fassung herausgedrückt. Die beiden Ohrhörer sitzen fest in ihrer Fassung auf den Ladekontakten. Jeder der beiden Stöpsel fasst 50 mAh Energie, was einer ungefähren Laufzeit von drei Stunden entsprechen soll. Im Praxistest erreichten die Apollo 7 diese jedoch nie. Zwei Stunden Musikgenuss schaffen sie jedoch auf jeden Fall.

Das Verbinden mit dem Smartphone funktioniert bei den Apollo 7 sehr einfach. Beide Hörer müssen über den einzigen Knopf am unteren Ende eingeschaltet werden. In der Auflistung der verfügbaren Bluetooth-Geräte im iPhone sind beide Stöpsel dann als Gerät verfügbar und können verbunden werden. Eine App, um die Apollo 7 manuell mit Klangprofilen oder Equalizern auszustatten, gibt es leider nicht. Beim iPhone müssen die Equalizer über die Musik-App eingestellt werden.

Nur Flügel verhindern, dass sie wegfliegen

Die Apollo 7 von Erato sind nach IPX5-Standard wasserfest und eignen sich deshalb auch für schweißtreibende Aktivitäten. Bei viel Bewegung haben die kleinen Stöpsel allerdings nicht ganz überzeugt, da sie sehr locker im Ohr sitzen und ein wirkliches Gefühl von Sicherheit sich nicht eingestellt hat. Dafür sollen die mitgelieferten Flügel herhalten: die Silikonflügel werden an die Kopfhörer geklemmt und sorgen tatsächlich für mehr Halt. Die Montage der Silikonflügel an den Knöpfen ist allerdings etwas lästig, da sie vor dem Verstauen in die Ladebox wieder entfernt werden müssen. Das Tragen ist durch die Leichtigkeit der Stöpsel gleichzeitig angenehm aber auch unsicher. Ohne Flügel würde ich das Haus nicht verlassen, da beim Herausrutschen aus dem Ohr kein Kabel Aufprall oder Verlust verhindern kann.

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Solider Sound, gute Sprachqualität

Der Sound der Apollo 7 ist solide. Ohne Equalizer klingt Musik zwar ausgewogen, dabei aber beinahe etwas zu flach. Satten Sound und gute Bässe erhalte ich erst, wenn ich die Klangprofile „Rock“ oder „RnB“ auswähle. Die Lautstärke der Apollo 7 kann nur über das Smartphone geregelt werden, nicht über die seitlichen Tasten. Diese erfüllen jedoch neben der Funktion des Ein- und Ausschaltens auch das Skippen von Liedern und Annehmen von Anrufen.

In den Stöpseln ist ein Mikrofon integriert, was sie bei Bedarf in ein Headset verwandelt. Meine Gesprächspartner konnten mich bei Telefonaten stets gut verstehen, auch wenn ich die Haare offen über den Ohren getragen habe. Blicke aus meinem Umfeld habe ich dadurch trotzdem ertragen müssen. Manche Menschen haben aufgrund meines vermeintlichen Selbstgesprächs und ohne erkennbares Headset-Kabel die Straßenseite gewechselt. Dabei liegt Wireless im Trend! Sie werden sich schon dran gewöhnen. Die Apollo 7 verfügen weder über eine Geräuschunterdrückung noch über eine Funktion, die Umgebungsgeräusche hineinlässt. Was auf der Straße schnell gefährlich werden kann.

Dieser Bass hat Verve! AirPod-Alternative VerveOnes getestet

Die VerveOnes, hinten denen letztlich Motorola steht, sehen auf den ersten Blick ein wenig klobig aus. Kein Vergleich zu den kleinen Teilchen von Erato. Der große runde Bedienknopf ist von einem recht ansehnlichen silbernen Ring umgeben. Einen dicken Minuspunkt bekommen die VerveOnes leider wegen des Gummi-Materials, aus dem sie gefertigt sind. Es nimmt sehr leicht Schmutz an. Selbst mit Alkohol lässt sich dieser nicht entfernen. Das sieht nach einiger Zeit wirklich unschön aus.

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Im Lieferumfang befinden sich wie bei den Apollo 7 verschiedene Gehöraufsätze. Besonders toll: die Aufsätze stehen entweder mit Einzel- oder Doppelrundung zur Verfügung. Die doppelten boten in meinem Fall einen besonders stabilen Halt im Ohr.

Die VerveOnes kommen in einer runden und länglichen Aufladeschale, die die Stöpsel dreimal mit neuer Energie versorgen können sollen. Über ein Micro-USB-Kabel wird die Schale aufgeladen. Insgesamt soll die Ladung der VerveOnes plus drei Ladungen der Schale für zwölf Stunden Musikgenuss sorgen. Das hat im Praxistest auch ganz gut geklappt. An die drei Stunden Laufzeit pro Aufladung kamen die Bluetooth-Kopfhörer beinahe heran.

Verbindungsprobleme: Wie 90er ist das denn, bitte!?

Anders als bei den Erato-Kopfhörern fungiert bei den VerveOnes der linke Stöpsel als Haupthörer, der mit dem Smartphone gekoppelt wird und das Signal an den rechten Stöpsel weiterleitet. Leider kam es im Alltag sehr oft zu Verbindungsproblemen zwischen den beiden Hörern, sodass ich zeitweise mit Mono-Beschallung Vorlieb nehmen musste. Das war sehr nervig und erinnerte an einen Kabelbruch mit Aussetzern beim Musikhören. Irgendwie voll 90er! (Firmware zum Zeitpunkt des Tests: 0043). Da die VerveOnes mit der Hubble Connect-App von VerfeLife konfiguriert werden können, bleibt zu hoffen, dass Motorola die Verbindungsprobleme mit einem Softwareupdate noch behebt.

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Satter Sound satt

Der Sound der VerveOnes ist sehr satt und tief. Bass kommt richtig gut rüber, ohne dabei unausgewogen zu wirken. Das Musikhören hat bis auf die Verbindungsprobleme viel Spaß gemacht. Etwas umständlich war zu Beginn das Koppeln mit dem Smartphone und gegenseitiges Verbinden der Hörer. Nach einiger Zeit hat sich das Prinzip, zuerst den linken Hörer ins Ohr zu setzen, bewährt. Dann funktioniert das Koppeln und Verbinden sehr zügig und ohne Zwischenfälle. Das Telefonieren klappt mit den VerveOnes ebenfalls gut. Zwei kleine Mikrofone sorgen für einen sehr guten Ton bei der Übertragung an den Gesprächspartner. Beim Telefonieren gab es im Praxistest keine Verbindungsprobleme oder ähnliches. Über die runden Knöpfe lassen sich Gespräche annehmen und beenden.

Die VerveOnes verfügen zwar nicht über eine Noise-Canceling-Funktion. Dafür bieten sie „durchgeleitetes Audio“, was besonders beim Joggen oder Fahrradfahren für Sicherheit sorgt, da mehr Geräusche aus der Umwelt in den Gehörgang dringen können. Die Kopfhörer können sich außerdem automatisch abschalten, wenn sie sich nicht mehr im Ohr befinden. Das ist sehr praktisch und erspart langes Drücken von Knöpfen oder Verlust von wertvoller Akkulaufzeit.

Leider ungeil: Die Klangeinstellungen

Etwas umständlich: Die App verbindet sich mit den Kopfhörern nur, wenn sie in der Ladeschale stecken. Auch nur dann ist die Klangkonfiguration möglich. Über Druck auf die Tasten der Kopfhörer kann zumindest zwischen den Equalizer-Einstellungen hin- und hergewechselt werden. In der App stehen sechs verschiedene Equalizer zur Verfügung. Mir hat die Einstellung „Ausgewogen“ am besten gefallen. Die App zeigt zudem den Standort der Kopfhörer an – mir ist der Nutzen dieser Funktion allerdings noch nicht ganz eingeleuchtet, da die kleinen Stöpsel eher sehr lokal in der Wohnung verloren gehen.

Fazit: Lieber noch auf die AirPods warten

airpodscase-pf-open_airpods-pf-float_pr-printBeide Modelle können mit Stärken begeistern, sind aber nicht uneingeschränkt empfehlenswert. Die Apollo 7 von Erato sind schick und bieten eine störungsfreie, optimale BT-Verbindung. Dafür ist der Sound eher so okay und die Akkulaufzeit weicht stark von der Herstellerangabe ab. Ohne Silikonflügel ist der Sitz recht wacklig. Letztendlich empfinde ich den Preis der Apollo 7 deutlich zu hoch. Laut Hersteller handelt es sich um die aktuell kleinsten kabellosen Kopfhörer auf dem Markt. Diesen Titel lässt er sich etwas kosten.

Die VerveOnes sind für ihren Formfaktor relativ klobig. Außerdem ziehen sie schnell Schmutz an. Die Kopfhörer sitzen sehr stabil. Ihr Sound begeistert, allerdings mit Unterbrechungen. Die Verbindungsstörungen gehen gar nicht!

Mein Tipp: Erst mal abwarten, was Apple nun mit seinen AirPods auf den Markt wirft. Viele Hersteller von völlig kabellosen Bluetooth-Kopfhörern haben sich auf unerforschtes Gebiet begeben und die Drahtlos-Technologie bei solchen Kopfhörern steckt noch in den Kinderschuhen. Early Adopter greifen jetzt schon zu. Alle anderen warten, bis die Technologie wirklich ausgereift ist.

Images by Julia Froolyks; Apple

Julia Froolyks

Technikjournalistin und leidenschaftlicher Fan von Marktneuheiten. Hat vieles ausprobiert, ist aber am Ende immer wieder bei Apple-Produkten gelandet. Neben neuen Gadgets testet sie gerne Smartwatches und Kopfhörer.

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