MacBook Pro für Highend-Einsätze: So viel „Pro“ brauchen Filmemacher

So eine Sonderstellung haben wenige technische Geräte: Das MacBook Pro ist ein, wenn nicht das digitale Arbeitstier von Kreativen aus aller Welt. Mit der Vorstellung der umstrittenen neuen Version im Herbst 2016 ist nicht nur bei Technik-Geeks eine Diskussion darüber entbrannt, wie viel Hardware-Power professionelle Anwender eigentlich benötigen. Filmemacher gehören zu den Usern mit den höchsten Ansprüchen an Rechenleistung. Immer mehr von ihnen produzieren Video-Content, ohne leistungsstarke Schnittplätze zur Verfügung zu haben. Insofern ist die Frage nach ausreichender Rechenleistung zu einem vertretbaren Budget essentiell geworden. Mit einer Kaufberatung möchte ich Licht ins Dunkel bringen.

Worauf Filmemacher grundsätzlich achten sollten

Natürlich hat Apple noch mehr als nur das MacBook-Pro im Programm. Von anderen MacBook-Varianten rate ich jedoch ab. Das Nicht-Pro-MacBook und das MacBook Air eignen sich perfekt für mobile Büroarbeit zum kleinsten Formfaktor. Für leistungsstarke Anwendungen sind sie jedoch keine Alternative. Das MacBook Pro ist also nach wie vor das Gerät der Wahl, wenn man bei Apple bleiben will.

Die Mindestvoraussetzungen des genutzten Videoprogramms - hier Final Cut Pro - ist eine wichtige Orientierung für den Kauf. Image by Apple
Die Mindestvoraussetzungen des genutzten Videoprogramms – hier Final Cut Pro – ist eine wichtige Orientierung für den Kauf. Image by Apple

Bei der Konfiguration des MacBook Pros sollten Filmemacher die Mindestanforderungen ihres bevorzugten Programms einhalten. In meinem Fall ist das Adobe Premiere Pro CC. Für die aktuelle Version würde theoretisch noch ein besser ausgestattetes MacBook Pro aus Mitte 2012 genügen.  Sind diese Mindestvoraussetzungen erfüllt, kommen der eigene Workflow und die eigenen Vorlieben ins Spiel.

Das MacBook Pro 2016 – Nonplusultra oder völlig überteuert?

Wer sich ohne große Recherche an einen Händler wendet, erhält natürlich immer die aktuellsten Produkte. In unserem Fall ist das das MacBook Pro (2016). Im vergangenen Oktober hat Apple dieses Update der Serie vorgestellt. In der 15-Zoll-Version kostet das Gerät stolze 2.699 bis 3.199 Euro. Das 1,5 Jahre ältere Vorgängermodell gibt es für 2.249 Euro. Lohnt sich der Aufpreis für die aktuelle Version? Apples Zusammenstellung der Komponenten ist in Anwenderkreisen umstritten.

Vor allem die TouchBar als neues Feature hat für Wirbel gesorgt. Dieses berührungsempfindliche schmale OLED-Display ersetzt die klassische Leiste der physischen Funktionstasten. Und wie schon beim einen Monat früher präsentierten iPhone 7 zieht Apple die Simplify-Karte und killt gleich eine Reihe von Ports: Es gibt nun nur noch die bislang kaum verbreitete Highspeed-Schnittstelle Thunderbolt 3/USB C.

Das MacBook Pro 2016 hat außer Thunderbolt 3 / USB-C keine Schnittstellen. Image by Apple
Das MacBook Pro 2016 hat außer Thunderbolt 3 / USB-C keine Schnittstellen. Image by Apple

Wohin zur Hölle kommt die SD-Karte?!

Apple ist ein großer Fan davon, auf Schnittstellen zu verzichten und seit dem Begräbnis der Floppy in 1998 tobt die Schlacht zwischen Innovation und Kompatibilität. Wer einmal versucht hat, mit seinen guten alten Kopfhörern auf dem iPhone 7 Musik zu hören und es gleichzeitig aufzuladen, weiß: Es funktioniert zwar, gibt aber eine Adapterschlacht, die ihresgleichen sucht.

Ob die fehlenden Slots und Anschlüsse ein Problem sind, hängt davon ab, wie man das Gerät einsetzen möchte. Wer das MacBook Pro zuhause als Desktop-Ersatz nutzt und unterwegs höchstens im ICE Mails schreibt, hat eine gute (wenn auch teure) Auswahl an Adaptern und Docking-Stations.

Wer aber gerade in der afrikanischen Steppe steht, schnell sein Drohnen-Footage sichern möchte und erstmal eine kleine Armada an Adaptern auspacken muss, ist vielleicht nicht so glücklich. Klar, die Zukunft ist kabellos und schon jetzt beherrschen etliche Kameras Datenübertragung via WiFi. In den professionellen Ligen jedoch ist man weit davon entfernt, herkömmliche Schnittstellen komplett durch Funk zu ersetzen.

Je nach Einsatz ist das 2016er MacBook Pro nicht schneller

Apple hat dem neuen MacBook Pro ein ordentliches Upgrade an Rechenpower spendiert: Statt standardmäßig 2,2 GHz kommt das neue 15-Zoll-Modell mit mindestens 2,6 GHz Prozessorleistung daher. Je nach Konfiguration kümmert sich eine Radeon Pro 450 oder 455 mit jeweils 2 GB Speicher um die Grafik. Beide Varianten kommen mit 16 GB Arbeitsspeicher. Doch was bedeutet das für die Praxis?

Die Bearbeitung von Filmmaterial ist enorm rechenintensiv – mit einem großen Unterschied: Einige Operationen belasten mehr den Prozessor (CPU), andere mehr die Grafikkarte (GPU). Eine typische CPU-Aufgabe ist zum Beispiel das En- und Dekodieren von komprimiertem Material wie H.264. Je stärker die Kompression, desto mehr Rechenleistung wird gebraucht. Die typische Höchstbelastung für die GPU ist Color Grading.

Das amerikanische Indie-Filmportal Nofilmschool hat die Leistung des aktuellen und des Vorgängermodells im Praxistest verglichen und kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis: Bei CPU-intensiven Aktivitäten war das neue MacBook Pro kein bisschen schneller als das alte, teilweise sogar langsamer.

Ganz anders sieht es jedoch aus, wenn RAW-Dateien im Spiel sind. Bei Rendertests mit RedRAW-Footage gewinnt das neue Modell mit Abstand. Noch deutlicher wird der Unterschied in DaVinci Resolve, wo Playback und Export fast doppelt so schnell laufen.

Rein nach Leistung kann man also schon an dieser Stelle sagen: Wer hauptsächlich komprimiertes Material wie von DSLRs, Sony a7s oder den Phantom-Drohnen schneidet und exportiert, hat mit dem 2015er und dem 2016er MBP zwei technisch gleichwertige Maschinen zur Auswahl. Erst bei der Arbeit mit RAW-Files und im Color Grading erkämpft sich das neue Modell einen spürbaren Vorsprung zum Vorgänger.

CPU und GPU sind aber nicht die einzigen Flaschenhälse, ein nicht zu unterschätzender Faktor ist der Arbeitsspeicher. Hier ist schwer zu verstehen, warum Apple seit mittlerweile vier Jahren maximal 16 GB bietet. Konkurrent Dell zum Beispiel bietet bei der Alienware-Serie für 50 Euro das Upgrade von 16 auf 32 GB an. Ein Preis, für den es bei Apple nicht viel mehr als den Adapter von USB C auf SD gibt.

Die TouchBar des MacBook Pro 2016 ist eher nichts für Filmemacher. Image by AlexBor / Pixabay (CC0 Public Domain)
Die TouchBar des MacBook Pro 2016 ist eher nichts für Filmemacher. Image by AlexBor / Pixabay (CC0 Public Domain)

Gucken und anfassen: die TouchBar ist entbehrlich

Kommen wir zu einem wichtigen Punkt: Muskelgedächtnis. Die Hand jedes Cutters findet blind die Shortcuts für „play forward“, „stop“ und „play backward“ – auch wenn man seit Jahren nicht mehr auf dem Schirm hat, dass dieselben Tasten auch „l“, „k“ und „j“ heißen. Bei der Arbeit mit einem Laptop gibt es Tasten für vier lebenswichtige Funktionen: heller, dunkler, leiser, lauter. Wer einmal mit Kopfhörern Material mit unausgeglichenem Tonpegel gesichtet hat weiß, wie wenige Sekundenbruchteile es dauert, bis die eigenen Finger die Trommelfelle davor bewahren, sich vom plötzlich losschreienden Interviewpartner zerfetzen zu lassen.

Und genau von diesen Tasten hat sich Apple nun verabschiedet. Die TouchBar bringt ein neues Interface ins MacBook, das manche Softwarehersteller bemerkenswert ausführlich aufgreifen: Davinci Resolve etwa bietet kontextsensitiv verschiedene Funktionen in den vier Arbeitsabschnitten (Media, Edit, Color, Deliver).

Doch so nett die Ideen auch sind: Wenn ich etwa für das Hinzufügen einer neuen Node in Resolve jedes Mal nach unten gucken muss oder vor jedem Ändern der Lautstärke erst einmal das Interface umschalten muss, geht wahnsinnig viel Zeit verloren. Man kann sich zwar weiterhin die altbekannten Funktionen auf die TouchBar legen, aber diese Einstellung gilt global für alle Apps und ist in den Systemeinstellungen vergraben.

Darf es auch etwas weniger sein?

Meine eigene Praxis zeigt, dass maximale Rechenkapazität nicht der Maßstab sein muss. Ich arbeite aktuell auf einem MacBook Pro aus Mitte 2014, auf dem auch dieser Artikel getippt wurde. Auf demselben Gerät habe ich letzten Herbst diesen Kinospot für Mercedes-Benz Rent gegradet:

Color Grading, grob gesagt die Nachbearbeitung von Farben und Kontrasten beim digitalen Film, beinhaltet zwei zentrale Schritte: Bei der Farbkorrektur werden Fehler wie ein falscher Weißabgleich oder Farbstiche ausgeglichen. Beim Grading selbst wird der Look des Films definiert. In diesem Schritt kurz vor Fertigstellung wurde „The Matrix“ grün, werden Schweiger-Filme gerne orange und Szenen in feinsten Details je nach der gewünschten Stimmung gestaltet.

Ich habe bei diesem Projekt mit zwei externen Bildschirmen, einem Grading-Panel und Alexa-Material gearbeitet. Natürlich nicht in Echtzeit oder ruckelfrei, aber davon ist auch das 2016er meilenweit entfernt – dafür bräuchte es mindestens eine zusätzliche Grafikkarte. Nörgler könnten jetzt fragen, wie zur Hölle man auf die Idee kommt, mit einem Laptop und nicht in einer anständigen Suite zu graden. Die Antwort ist: Weil es geht – und für viele Fälle ausreicht.

Das 2014er MacBook Pro hat einen Intel i7 Quadcore mit 2,8 GHz, eine GeForce GT 750M 2 GB und 16 GB RAM unter der Haube. Natürlich ist in der Zwischenzeit viel passiert, der RAM von damals etwa ist nicht so leistungsfähig wie der neue. Aber alles in allem sind die Specs erschreckend vergleichbar.

Meine Bildschirme gehen über DisplayPort und eine mit Thunderbolt 2 angeschlossene Videokarte, mein Ladekabel hat die praktische und unfallsichere MagSafe-Funktion und für meinen USB-Hub habe ich immer noch zwei freie Anschlüsse. Und ich habe echte drück- und erfühlbare Tasten für heller, dunkler, lauter und leiser.

Fazit: Selbst anspruchsvolle Anwender brauchen nicht den Superlativ

Die wichtigste Frage ist: Was bekomme ich für mein Geld? Wer nicht aufs Geld schauen muss, bei Apple bleiben will, Bock auf die maximale Power hat und die neuesten Features wie die TouchBar mitnehmen will, greift ruhig zum aktuellen Modell. Das muss aus meiner Sicht aber nicht sein. Wer vor allem komprimiertes Material schneidet, kann guten Gewissens das Vorgängermodell nehmen. Dafür lohnt sich auch der Store mit generalüberholten Geräten, die wie neu inklusive der Herstellergarantie rausgehen. Das gesparte Geld lässt sich dann perfekt in zusätzliches Equipment investieren, ganz abgesehen von den ganzen Adaptern, die man nicht kaufen muss. Und beim Vorgänger gratis inklusive sind echte, physische Funktionstasten, Standard-USB, MagSafe-Anschluss und der SD-Slot. Da kann das adapterlose Datensichern in der Steppe getrost kommen.

Neu muss nicht sein. Ein generalüberholtes MacBook Pro reicht völlig. Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt
Neu muss nicht sein. Ein generalüberholtes MacBook Pro reicht völlig. Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt

Teaser by Pexels / Pixabay (CCo Public Domain); Images by AlexBor / Pixabay (CC0 Public Domain), Apple, Berti Kolbow-Lehradt


 

Anton Knoblach

ist freier Producer und Colorist in Berlin und Mitgründer der Werbefilmproduktionsfirma unfourseen. Zu einem gelungenen Tag gehören für ihn Musik, gutes Essen und viel Abwechslung. Anton liebt Struktur, schnelle Technik und starke Bilder.

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