Natürliche Verhütung per iOS-App: Besser als die Pille?

Eine Firma behauptet, dass ihre App besser funktioniert als die Pille. Die Zyklusbestimmung per Themometer ist eine althergebrachte Verhütungsmethode, die von vielen Frauen angewandt wird. Diese Methode gilt jedoch als unzuverlässig, denn man kann nicht immer auf diese Beobachtungen bauen und die Sicherheit gewähren. Könnte also Apps wie Natural Cycles den Frauen einen Weg eröffnen, wie man zuverlässig und hormonfrei eine ungewollte Schwangerschaft verhindern kann?

Die Behauptung von Natural Cycles stützt sich auf eine Studie mit 4054 Frauen im Alter von 18 bis 46 Jahren, die im European Journal of Contraception & Reproductive Health Care veröffentlicht wurde. Die Studie weist darauf hin, dass es bei den Frauen, die die App als Verhütung genutzt haben, jährlich in sieben von 100 Fällen zu einer Empfängnis kam. Dies schloss auch Schwangerschaften ein, die die Wissenschaftler auf Anwendungsfehler zurückführten – eine „typische Fehlerquote“ dieser Methode. Diese kann man mit der „typischen Fehlerquote“ der Pille vergleichen, die acht bis neun Schwangerschaften im Jahr verzeichnet und auch die Fälle mit einschließt, bei denen die Frauen hin und wieder vergessen, die Pille einzunehmen.

Bei den Frauen, die die App korrekt genutzt haben, kam es zu fünf möglichen Schwangerschaften in 1000 Fällen. Wissenschaftler fanden heraus, dass es bei zehn Fällen aus den 143 Schwangerschaften dazu kam, weil die App einen Fehler hatte, der den Paaren falsche Informationen über ihre Fruchtbarkeit gab. Dies ist als „Methodenfehler“ bekannt und zeigt, dass ungeplante Schwangerschaften selbst dann auftreten können, wenn man eine perfekte Verhütung einsetzt.

Aber auch hier sahen die Statistiken fast wie die „perfekten Umgangszahlen“ der Pille aus, bei der durchschnittliche drei aus 1000 Frauen schwanger werden. Das bedeutet, dass die Studie beweist, dass bei typischem und perfekten Benutzen der App diese als genauso effektiv wie die Pille zu betrachten ist.

Und wie funktioniert sie nun? Fast alle vergleichbaren Smartphone-Apps basieren nicht nur auf der traditionellen Methode, die Tage seit der letzten Periode zu zählen, sondern auch darauf, die Temperaturmessung mit einzuberechnen. Die App benutzt diese Informationen, um vorauszusagen, wann die Frau ihren Eisprung hat, wann sie fruchtbar ist und wann nicht.

Diese Methode funktioniert, weil die Temperaturkurve der Frau um ca. 0,3 Grad Celsius um den Tag der Ovulation herum steigt und in der Folge auch bis zum Rest des Zyklus leicht erhöht bleibt. Die Eizelle ist für ca. 24 Stunden aktiv, also kann ein Paar nach dieser Zeit problemlos Sex haben, ohne dass die Frau schwanger wird. Sex vor der Ovulation kann zu einer Schwangerschaft führen, da die Spermien bis zu sechs Tage im Uterus überleben können.

Diese Tatsache ist schon länger bekannt, auf diesen Vorgängen basiert die Temperatur- oder NFP-Methode (natürliche Familienplanung), bei der eine Frau jeden Morgen vor dem Aufstehen ihre Temperatur misst und eine Tabelle erstellt, um zu bestimmen, an welchen Tagen sie fruchtbar ist. Allerdings ist es sehr schwierig, exakt vorauszusagen, wann die Ovulation stattfindet, da die Zykluslänge einer Frau besonders bei Stress ins Schwanken geraten kann. Es ist außerdem nicht eindeutig vorhersehbar, ob die Temperatur der Frau genug gestiegen ist, um ihren Eisprung anzuzeigen.

In diesem Fall kann Technologie helfen. Gerätschaften wie Armbänder, die Körpertemperatur messen, können den Zyklus der Frau dauerhaft überwachen, sodass sie nicht jeden Morgen erneut daran denken muss, ihre Temperatur zu messen. Zudem erledigen die Algorithmen der App die Arbeit und erstellen Tabellen, um damit die fruchtbaren Tage auszurechnen.

Da bleibt nur die Frage, warum die typische Fehlschlagsrate der App bis zu 7 Prozent erreicht. Ein anderes großes Problem der Temperaturmethode ist, dass man mehre Tage im Monat keinen Sex haben darf oder dafür andere Verhütungsmethoden, wie zum Beispiel Kondome, nutzen muss. Die Studie fand heraus, dass etwa die Hälfte der Frauen, die während der Studie schwanger wurden, ungeschützten Sex während ihrer fruchtbaren Zeit hatten. Smartphone-Apps können also durchaus eine Unterstützung sein – aber sie können uns nicht davon abhalten, ungeschützten Sex haben zu wollen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-NC-SA 3.0 US und als Übersetzung auf unserer Geschwisterseite Netzpiloten.


Image (adapted) Schwangere Frau Familie by KManzela (CC0 Public Domain)


Susan Walker

ist Forschungsbeauftragte und Dozentin für Sexualkunde und Sozialwissenschaften an der Anglia Ruskin University.

More Posts - Twitter