Ab ins sichere Nest: Die smarte Überwachungstechnik für Zuhause im Test

Das Zuhause, das mitdenkt, ist keine Utopie mehr. Immer mehr digitale Helfer erreichen mittlerweile auch den deutschen Markt und die Technik ist sicher nicht mehr nur für Technik-Geeks. Amazon Echo oder Google Home wollen den breiten Markt erobern, aber für ein smartes Zuhause braucht es neben einem Assistenten auch Geräte, die miteinander interagieren – Lichter, Staubsauger-Roboter oder auch Überwachungstechnik. Auf letzteres hat sich Googles Schwesterunternehmen Nest Labs spezialisiert. Im Februar 2017, ganze sieben Jahre nach Markteintritt in den USA, wurden die ersten Produkte in Deutschland eingeführt.

Bisher kannte ich smarte Überwachungskameras nur von meinen Verwandten, die damit ihre Kleinkinder im Auge behalten, wenn sie selbst nicht zu Hause sind. In meiner Wohnung passiert allerdings nicht viel. Gelegentlich bewegen sich ein paar Schatten und niemand kann so einfach auf meinen Balkon klettern. Deswegen musste ich mir ein paar andere Testsituationen überlegen. Nach einer ausführlichen Testphase stelle euch die Nest Cam Indoor und die  Nest Cam Outdoor vor. Beide sind momentan zu einem Preis von jeweils 199 Euro erhältlich.

Der erste Eindruck

Die Kameras kommen in stabilen Boxen, minimalistisch verpackt ohne große Probleme und Plastikberge. Das simple Design setzt sich in den Produkten fort.

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Lieferumfang der Nest Cam Outdoor. Image by Nest.Mit einer Gesamtgröße von nur 11 Zentimetern ist die Indoor-Kamera nicht auffällig oder störend, eingebunden in einen stabilen Metallfuß. Sie kann Dank eines eingebauten Magneten angebracht werden. Ist keine magnetische Oberfläche in der Nähe, tut es auch die mitgelieferte Wandhalterung. Die Kamera wird mit einem gängigen Micro-USB-Kabel verbunden. Nest hat sich hierbei bewusst gegen Batteriebetrieb entschieden, da die dauerhafte Stromversorgung dem System viel umfangreichere Möglichkeiten bietet.

Die Nest Cam Outdoor kann dank eines Magneten individuell ausgerichtet werden. Das übertragene Bild lässt sich allerdings im Nachhinein nur um 180 Grad drehen. Die Vielseitigkeit der Winkel wird hier leider wieder etwas einschränkt.

Besonders gefällt die Verbindungsart des Netzteils der Outdoor-Kamera. Der USB-Anschluss und das Netzteil werden durch eine Druck-Drehbewegung miteinander verbunden, sodass der Anschluss witterungsgeschützt ist. Eine einfache, aber sehr effektive Lösung.

Die Outdoor Kamera ist mit der IP-Schutzart IP65 ausgestattet, was absolute Staubdichte und Schutz gegen Strahlwasser aus beliebigen Winkeln verspricht. Dem Hamburger Dauerregen hat die Kamera standgehalten – durch den Regen haben sich allerdings andere Probleme ergeben, auf die ich später eingehen werde.

Plug and Stream

Zu jeder smarten Hardware sollte eine gute Software gehören. Deswegen lassen sich alle Nest-Produkte über eine App steuern. Die App ist sowohl für Android als auch für iOS erhältlich. Mit HomeKit ist die App aber nicht kompatibel. Ich habe beide Plattformen während dieses Tests auf einem Smartphone (LG G4) und einem Tablet (iPad Air) getestet. Die iOS-App fror sich während dieses Tests leider regelmäßig fest und hinkte auch sonst ein wenig hinter der Android-Version hinterher. Schade. In punkto Funktionen und Übersichtlichkeit nehmen sich die Apps jedoch nichts.

Um die Produkte verwenden zu können, muss ein Nest-Konto erstellt werden. Auf diesem Konto werden die Cloud-Daten gespeichert und gewährleistet, dass nur zugelassene Personen auf die Kameras zugreifen können. Für das Einrichten der Geräte ist momentan noch zwingend ein Smartphone oder Tablet mit der Nest-App notwendig. Einmal eingerichtet, sind sie allerdings auch vom Computer aus steuerbar.

Die Installation geht schnell und ist sehr einfach gestaltet. Jeder Schritt der Installation wird mit Illustrationen oder Bildern begleitet. Wer seine Adresse nicht mit der Kamera verknüpfen möchte, muss seinen Wohnort nicht angeben. Die einzige verpflichtende Angabe, die bei der Kameraaktivierung zu machen ist, ist die Postleitzahl. Um die Kamera mit der App zu verknüpfen, muss nur noch der aufgedruckten QR-Code gescannt werden. Bei einer stabilen Internetverbindung dauert die Kameraeinrichtung vom Anschluss an die Steckdose bis zur fertigen Inbetriebnahme weniger als fünf Minuten. Ist die Kamera fertig eingerichtet, beginnt sie sofort mit der Bildübertragung.

Die Steuerung innerhalb App ist sehr intuitiv. Mit einem Fingerwisch kann man das Bild vergrößern und bewegen. Die Einstellungen sind hinter einem Zahnrad in der Ecke versteckt, der Aufbau lenkt etwas vom Bild ab.

Immer wachsam

Die Basisfunktionen erfüllen, was sie versprechen: Live-Video rund um die Uhr (zumindest, wenn die Bandbreite stimmt), HD-Streaming mit einer Auflösung von 1080 Pixeln, Bewegungsmeldungen, Infrarot-Nachtmodus und eine Gegensprechanlage. Wer zuhause nicht dauerhaft gefilmt werden möchte, kann auch die Abwesenheitsfunktion nutzen. Die App erkennt, wenn man das Netzwerk der Kamera verlässt und schaltet sie automatisch ein. Wenn man den Wohnort wieder betritt, schaltet sich die Kamera ab. Ein netter Effekt, denn so fühlt man sich nicht dauerhaft in den eigenen vier Wänden beobachtet. Der Nutzer hat ebenfalls die Möglichkeit, einen genauen Zeitplan zu erstellen, der bestimmt, wann die Kameras aktiv sein sollen. So können die Kameras sehr individuell eingestellt werden.

Kostenpflichtige Zusatzfunktion Nest Aware

Aber Nest kann noch mehr. Für Nutzer, die das volle Potential der Geräte dauerhaft nutzen möchten, kann dies allerdings sehr schnell teuer werden. Das Bezahlangebot Nest Aware, das als Monats- oder Jahres-Abo angeboten wird, speichert den Videoverlauf nicht nur für drei Stunden, sondern für ganze zehn Tage (Kosten: 10 Euro pro Monat) oder 30 Tage (30 Euro pro Monat). Das aufgezeichnete Videomaterial kann gespeichert werden, als Clip oder auch als Zeitraffer. Wer möchte, kann die Videos auch direkt über die Webseite auf diversen sozialen Netzwerken teilen. Zum Anschauen im Netz außerhalb der App ist allerdings ein Flash-Player notwendig. Für Nutzer eines iPad oder iPhones ist diese Voreinstellung leider äußerst unpraktisch.

Im Outdoor-Einsatz

Die letzte, sehr nützliche Funktion von Nest Aware ist das Einrichten von Warnbereichen. Die Bedienmaske, die leider nur in der Webansicht am Computer zugänglich ist, ermöglicht es dem Nutzer, über eine Drag-and-Drop-Maske gesonderte Warnmeldungen zu erhalten. In diesem Fall habe ich den Haustürbereich festgelegt, um zu testen, ob die Kamera vorbeifahrende Autos ignoriert.

Die Kamera verfügt außerdem über die Nest Aware-Ansicht. Hier ist jeder Punkt in der Zeitleiste ein von der Kamera wahrgenommenes Ereignis. Die Zeitleiste von Nest Aware kann die Meldungen der Warnzonen farblich zugehörig sortieren. Je nach Ausrichtung der Kameras können so eine große Anzahl an Meldungen zusammenkommen. Insgesamt wurden mir an einem Wochenende 228 Warnmeldungen angezeigt, von denen 24 in jedem Fall angemessen, aber der Großteil vorbeifahrende Autos, Schatten oder sogar nur ein paar Fliegen waren. Angemessen bedeutet in diesem Fall: Die Nachbarskatze lief über unsere Treppe, Besuch stand vor der Haustür oder wir sind selbst aus dem Haus gegangen, um etwas zu holen.

An einem anderen Tag habe ich die Outdoor-Kamera im Regen getestet. Die Bilanz: 369 Warnmeldungen. Ab einem Bestimmten Zeitpunkt habe ich die Benachrichtigungen der Kamera ausgeschaltet. Jeder Regentropfen wurde mir als „mögliche Person“ gemeldet. Das ist wohl etwas übertrieben.

Aber was ist mit meinen Daten?

Die Videos und Daten, die die Kameras aufgezeichnet, speichert Nest in einer Cloud und ist mit dem Nest-Nutzerkonto verknüpft. Eine berechtigte Frage ist hierbei: Wie kann ich denn sicherzustellen, dass die Daten nicht von jemandem gestohlen oder abgegriffen werden?

„Die Sicherheit der Daten ist Nest sehr wichtig. Von dem Moment in dem die Kamera etwas aufnimmt, ist es verschlüsselt. Und die Aufnahmen bleiben verschlüsselt.“, erklärt Lionel Guichard-Callin, Head of Product Marketing für Nest in Europa, im Gespräch. „Wenn die Daten in einem internen Speicher liegen würden, wären sie bei einem Diebstahl anfälliger.“

Die Kameras sind über eine Zwei-Faktor-Authentifizierung mit dem Konto verbunden. Sollte die Kamera also gestohlen und in einem anderen Netzwerk wieder angeschlossen werden, kann man nur in dem zugehörigen Nest-Account auf die Daten zugreifen. Nest empfiehlt den Nutzern im Falle eines Diebstahls, das Passwort zum persönlichen Nest-Konto zu ändern und so sicherstellen, dass niemand auf die gespeicherten Daten zugreifen kann.

Ein Zugriff von einem anderen Konto muss der Besitzer der Kamera freischalten. Nest bietet die Möglichkeit, Familienmitglieder für ein gemeinsames Konto freizuschalten, die daraufhin ebenfalls Zugriff auf die Daten und Einstellungen haben.

Ohne Bandbreite keine Bilder

Nach einem ausgiebigen Test konnte ich mehrere Dinge feststellen. Erstens: Um die Kameras effektiv nutzen zu können, ist eine stabile und schnelle Internetverbindung zwingend notwendig. Wenn die Bandbreite nicht stimmt, schaltet sich die Kamera ständig aus und muss sich erneut mit dem WLAN verbinden und lädt dabei jedes Mal neu. Sehr nervig! Für Nutzer mit einem schlechtem WLAN-Netz bietet Nest in den Einstellungen die Möglichkeit, die Video-Qualität zu verändern, um die Ladezeiten zu verringern.

Ein weiterer persönlicher Störfaktor ist die Status-LED. Während des Betriebs leuchtet sie dauerhaft in einem grellen Blau. Durch die auffällige Farbe des Lichts zieht die Kamera sofort alle Aufmerksamkeit auf sich. Wer sich von so etwas schnell gestört fühlt, könnte damit ein Problem haben.

Man muss sich also beim Einstellen der Kamera und der Einrichtung der Warnbereiche Gedanken machen, dass ungewollte Bereiche nicht zu sehen sind. Wenn man Push-Benachrichtigungen eingeschaltet hat, schickt die Kamera auch Benachrichtigungen von sich verändernden Schatten oder vorbeifahrenden Autos, die nur eine Sekunde im Bild zu sehen sind und im Normalfall keine Meldung wert sein sollten. Wer also im Urlaub die Kamera auf das werte Heim aufpassen lasen möchte, könnte durch das ständige Auftauchen von Push-Benachrichtigungen anstelle der versprochenen Entspannung eher ständigen Stress durchleben.

Ein sicheres Nest

Zusammenfassend machen die Kameras trotz der Kritikpunkte einen sehr guten Job. Wer sie nicht zwingend als Überwachungskamera nutzen möchte, sondern sie lieber als Wetterkamera für Zeitraffer einsetzt, wird die stabile und hochqualitative Streaming-Qualität überzeugen. Die Warnmeldungen waren in meinen Tests nicht vollends überzeugend, da sie zum Teil sehr vage waren. Immerhin sendete die App die Benachrichtigungen stets in kürzester Zeit auf mein Smartphone. Die meisten Funktionen, die ich im Test lieben gelernt habe, sind momentan nur mit der Funktion Nest Aware verfügbar. Wer sich für das Rundum-Sorglos-Paket entscheidet, ist mit den Nest-Kameras definitiv gut ausgestattet.

Die Nest Cam Indoor empfiehlt sich meiner Meinung nach für Familien mit Haustieren oder kleinen Kindern, die Nest Cam Outdoor für Hausbesitzer, die ihren Eingang im Auge behalten wollen. Die Anwendungsmöglichkeiten der Produkte sind noch viel weitreichender, wenn man sie in Kombination von anderen Smart-Home-Produkten verwendet. Für alle, die einfach eine solide, hochwertige Kamera suchen, sind die Nest-Produkte meiner Meinung nach eine gute Wahl.

Dieser Text erschien zuerst bei den Netzpiloten.


Images by Nest
Video & Images by Melina Mork


Melina Mork

wollte schon immer "irgendwas mit Medien" machen und ist deswegen früh der Jungen Presse Niedersachsen beigetreten und studiert jetzt im sechsten Semester Kulturjournalismus im schönen Hamburg. Außerdem hat sie ein großes Interesse an Internet-Trends und kann stundenlang über Webkultur reden.

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