Samsung hat jetzt auch ein iPad Pro: Warum dies Apple-Nutzer kalt lassen sollte

Bei Tablet-PC mit mobilen Betriebssystemen gilt das iPad Pro derzeit als Maß aller Dinge. Das will Apples Rivale Samsung nicht auf sich sitzen lassen. Mit dem Galaxy Tab S3 haben die Koreaner beim Mobile World Congress ein neues Highend-Tablet im 9,7-Zoll-Format mit Digitalstift vorgestellt. Es attackiert ziemlich unverhohlen das kleinere iPad Pro von Apple.

Ebenso wie Apple setzt Samsung bei seinem Spitzenmodell auf Entertainment und Produktivität. Zu den Highlights des Galaxy Tab S3 zählen ein in jeder Hinsicht exzellenter Digitalstift, Videos im zukunftsweisenden HDR-Standard und aufwendige 3D-Spiele dank Vulkan-Schnittstelle. Auf diese Weise will der Herausforderer dem Platzhirsch Kreative, Gamer und mobile Büroarbeiter streitig machen.

Nach meinen Informationen haben sich Produktentwicklung und Marketing von Samsung in praktisch allen relevanten Aspekten Apples Modell als Referenz herangezogen und versucht, leistungsmäßig eins draufzusetzen. Ist das gelungen? Hier eine Einordnung.

S Pen im Duell mit dem Apple Pencil

Offen sagt Samsung das zwar nicht, aber ich habe erfahren, dass das Unternehmen sich besonders beim überarbeiteten S Pen darauf konzentriert hat, den Apple Pencil zu übertrumpfen. So muss der Digitalstift anders als der Apple-Stift nicht aufgeladen werden. Zudem ist die Plastikspitze schmaler und weicher. Das soll das Schreiben kleiner Buchstaben erleichtern und das Klacker-Geräusch verringern. Ferner wiegt der S Pen mit neun Gramm weniger als halb so viel wie der Apple Pencil. Dadurch soll die Schreibhand nicht so schnell müde werden.

Wie üblich versucht Samsung mit „Feature fucking“ zu kontern. Der S Pen hat rein funktional deutlich mehr drauf als sein iPad-Pendant. So lassen sich Aktionen durch einen physischen Knopf starten. Zudem beherrscht der S Pen das Hovering: Sensoren erkennen, wenn er über einer bestimmten Stelle schwebt und aktivieren kontextbasierte Funktionen.

Als Highlight sehe ich jedoch ein anderes Feature: Mit dem S Pen können Nutzer des Tab S3 auch bei verdunkeltem Bildschirm auf das Display schreiben. Das Gerät muss nicht erst entsperrt werden. Die Notizen werden automatisch in einer Samsung-App gespeichert.

Nicht zuletzt gehört der S Pen zum Lieferumfang des Galaxy Tab S3. Apple-Nutzer zahlen für den Pencil extra. Die Frage ist allerdings, wie viele Apps für den S Pen optimiert werden. Mit Autodesk Sketchbook Pro hat Samsung bisher nur eine populäre Software genannt, die Kreative vom Hocker reißen könnte. In Apples App Store sind hingegen schon diverse wichtige Grafik-Programme voll kompatibel zum Apple Pencil.

Unterhaltung für Seh-Gourmets

Auch, was das Video-und Gaming-Erlebnis betrifft, möchte Samsung Apple zeigen, wer der Boss ist. So hat Samsung zum Beispiel an der Display-Performance geschraubt. Mit Video-Streaming in HDR-Qualität fahren die Koreaner eine Technologie aus ihrer TV-Abteilung auf, die bisher kein anderer Tablet-Hersteller und eben auch nicht Apple zu bieten hat (mehr dazu bei Androidpiloten). In High Dynamic Range aufgenommen und übertragen, sehen Filme und Serien bei Netflix und Amazon bedeutend besser aus. Hier könnte Samsung ein echter Coup gelingen.

Die Akkulaufzeit beim Videoschauen will Samsung beim Tab S3 so optimiert haben, dass es das iPad Pro locker in die Tasche steckt. So könnte das Samsung-Gerät theoretisch zwölf Stunden am Stück Videos in 720p-Auflösung abspielen, das Apple-Gerät nur zehn Stunden.

iPad Pro
Apple iPad Pro 9,7 mit Apple Pencil und SmartKeyboard. Image by Apple

Auch Videospieler will Samsung in sein Team holen. Dies soll unter anderem mit einem Grafikchip gelingen, der die 3D-Schnittstelle Vulkan beherrscht. Dadurch sollen Vulkan-fähige Spiele wie Vain Glory oder HIT deutlich detailreicher und realistischer aussehen. Apple hingegen hat das Thema Gaming zuletzt nur halbherzig vorangetrieben. Das Game Center unter iOS ist seit langem eine Geisterstadt. Für hochwertige Konsolen-Titel ist iOS nicht so attraktiv wie einst erhofft.

Samsungs Initiative wertet Android natürlich nicht umgehend zum Spieleparadies auf. Aber es ist ein schönes Signal, dass ein großer Player Mobile Gaming ernst nimmt. Ob ich mein bestehendes iPad Air durch ein iPad Pro oder ein Tab S3 ersetze – das Thema Gaming könnte hier eine große Rolle spielen.

Samsungs Ökosystem soll behaglicher werden

Ein sehr gutes Argument, Apple-Nutzer zu sein, ist das engverzahnte und sehr lebendige Ökosystem. Funktionen wie Handoff, AirDrop und iCloud Drive machen das Leben echt leichter. Oder nehmen wir die neuen Apple AirPods, die sich so schnell mit dem iPhone verbinden wie kein anderer Bluetooth-Kopfhörer.

Samsung sieht offenbar allmählich ein, wie wichtig ein gutes Ökosystem für das Nutzererlebnis ist. Daher führt das Unternehmen mit dem Galaxy Tab S3 zwei Neuerungen ein: Samsung Flow und die Samsung Cloud. Das Flow-Feature soll nahtloses Arbeiten mit Samsung-Geräten ermöglichen, wie es Handoff in der Apple-Welt tut. Zudem sollen Nachrichten zwischen verschiedenen Screens synchronisiert werden, so wie Apple-Nutzer das von iMessage auf dem iPhone und Mac kennen.

Mögt ihr die Foto-Synchronisation in der iCloud so wie ich? Apples Wolke leistet in diesem Punkt prima Dienste. Mit Samsung Cloud wollen die Koreaner eine ähnliche, zentrale Galerie für Fotos und Videos etablieren. Ein klassisches „Mee too“-Produkt.

Aus der Sicht von Samsung-Nutzer ist es begrüßenswert, dass der Hersteller sich längst nicht nur mehr auf Hardware konzentriert, sondern auch Services entwickelt. Als Apple-Nutzer kann ich jedoch nur müde darüber lächeln. Komplexe Funktionalitäten wie ein Cloud-Sync leiden zu Beginn häufig unter Kinderkrankheiten. Apples jahrelangen Vorsprung muss Samsung erstmal aufholen.

Fazit

In vielen technischen Einzelaspekten bei Smartphone und Tablets ist Apple seit Jahren nicht mehr führend. Asiatische Herausforderer haben Cupertino da längst überholt. In einigen Details, die ich hier gar nicht ausgeführt habe, ist das Tab S3 besser als das iPad Pro. Das ist auch nicht verwunderlich, schließlich holen die Entwickler bei jeder Modellgeneration noch ein Quäntchen mehr heraus.

Als Gesamtpaket sind Apple-Produkte aber immer noch die Referenz. Allein, dass sich Samsung so eng am iPad Pro orientiert, zeigt, dass das Ganze stimmt. Das Zusammenspiel von Tablet, iOS-Funktionen, App-Auswahl und Hardware-Peripherie wie der Apple Pencil funktioniert prächtig. Wer sich statt des iPad Pro 9,7 ein Galaxy Tab S3 zulegt, erhält zweifelsohne ein hervorragendes Gerät. Aber er verzichtet auf die Vorteile von Apples Ökosystem. Und wer weiß, vielleicht schlägt Apple schon beim anstehenden März-Event mit neuen iPads dem Rivalen Samsung auch Hardware-mäßig wieder ein Schnippchen.

Zum Kurztest des Galaxy Tab S3 bei Androidpiloten geht es hier.


Images by Samsung, Apple


 

Berti Kolbow-Lehradt

Berti ist ein pragmatischer Tech-Nerd, der gern Dinge testet, die das Leben komfortabler gestalten und vor allem Spaß bereiten. Er liebt smarte Unterhaltungstechnik sowie digitale Fotografie – und gibt gern Ratschläge dazu. Daher auch der Spitzname „RatgeBerti“. Wäre er nicht Technik-Journalist geworden, dann in einem anderen Leben vielleicht Superheld mit Technik-Overkill (Batman?) oder menschlicher Side-Kick bei den Transformers.

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