Samsung-Smartwatch unter iOS: Gear S3 Arm in Arm mit dem iPhone

In Sachen Smartwatch hatten iPhone-Nutzer noch nie eine große Auswahl. Nachdem Pebble-Uhren nicht mehr weiterentwickelt werden, schien es sogar kurzzeitig so, dass es zur Apple Watch gar keine ernsthafte Alternative mehr gibt. Nun hat Samsung die Hölle gefrieren lassen und tatsächlich seine Gear-Reihe für die Zusammenarbeit mit iOS ab Version 9 freigegeben. Die dafür nötige App Samsung Gear S ist kostenlos im App Store erhältlich. Wie gut das aktuelle Flaggschiff Gear S3 mit einem iPhone 6 harmoniert, habe ich in einem Praxistest geprüft.

Warum die Gear S3 für Apple-Nutzer interessant sein könnte

Design, Bedienung, Preis: Samsungs Smartwatch unterscheidet sich in mehreren Aspekten. Anders als die Apple Watch kennzeichnet die Samsung Gear S3 ein klassisch runder Formfaktor in Fliegeruhren-Optik. Neben dem Touchscreen steuern Nutzer die S3 hauptsächlich mit einem mechanischen Rad. Diese rund um das Uhrenglas angebrachte Lünette ist für den alltäglichen Gebrauch wichtiger als die Krone bei der Apple Watch. Benachrichtigungen lassen sich über die Lünette ohne Berührung des Displays checken. Das ist gerade im Winter ohne touch-fähige Handschuhe von Vorteil.

Die Displaygröße von 1,3 Zoll ordnet sich zwischen der 38-Millimeter-Version (1,3 Zoll) und der 42-Millimeter-Version (1,7 Zoll) der Apple Watch ein. Dank eines „Always On“-Display ist die Gear S3 im Gegensatz zur Apple Watch kontinuierlich ablesbar. Das obligatorische Heben und Drehen des Handgelenks ist nicht nötig. Diese bequeme Funktion kostet nicht dramatisch viel mehr Akkulaufzeit. Mit der Gear S3 komme ich im Test gute drei Tage über die Runden. Das ist ein Tag mehr als ich in der Regel mit der Apple Watch 2 (38 Millimeter) schaffe.

Samsung zieht den Käufern etwas weniger Geld aus der Tasche als Apple. Der Listenpreis der Gear S3 beträgt 399 Euro, der der Apple Watch 2 je nach Modell 419 Euro (38 Millimeter) oder 449 Euro (42 Millimeter). Während die Apple Watch Armbänder mit Spezialverschlüssen benötigt, ist die Gear S3 mit handelsüblichen 22-Millimeter-Armbändern zufrieden.

So geht’s: Die Gear S3 am iPhone einrichten

Die Einrichtung erfolgt wie bei den meisten Wearables: Hersteller-App aus dem App Store installieren, Bluetooth auf dem iPhone aktivieren, per Code koppeln, fertig. In meinem Test kam die Gear-S-App in Version 1.6.16121402 zum Einsatz. Den Zugriff auf Kontakte, Kalender, Standort und Fotos sollten Nutzer der Gear S3 gewähren. Nur dann funktionieren zum Beispiel die Wetteranzeige oder die Wahl einer Telefonnummer aus dem Adressbuch.

Wichtig: Im Gegensatz zur Watch-App von Apple muss die Samsung-App stets aktiv sein bzw. im Hintergrund laufen. Wenn ich sie schließe, kann die Uhr keinen Kontakt zum iPhone aufnehmen. Im Praxistest verliert die Gear S3 auch bei geöffneter App mitunter die Verbindung. Dies lässt sich aber vermutlich durch ein Software-Update beheben.

Gear S3 iPhone
Die Samsung Gear S3 ist eine schicke und leistungsstarke Smartwatch. Image by Berti Kolbow-Lehradt

In welchen Bereichen Gear S3 und iPhone gut harmonieren

Die Standards, die ich von einer aktuellen Smartwatch erwarte, funktionieren einwandfrei. In vielen Fällen ermöglicht die Samsung Gear S3, das iPhone in der Tasche zu lassen. Zum Beispiel kann ich wie bei der Apple Watch Anrufe annehmen und führen, da die Gear S3 über Lautsprecher und Mikro verfügt. Dank Zugriff auf das Adressbuch des iPhone kann ich auch selbst Anrufe initiieren. Für Telefonate benötigt die Gear S3 neben der regulären, energiesparsamen Bluetooth-LE-Verbindung zeitweilig einen zweiten Bluetooth-Kanal. Die Sprachqualität ist genauso gut wie auf der Apple Watch.

Als Fernbedienung für Apple Music taugt die Gear S3 ebenfalls prima. Natürlich zeigt sie auch Benachrichtigungen aus Apps wie WhatsApp, Facebook-Messenger etc. an. Eine SMS oder eine andere Nachricht beantworten kann ich über die Uhr aber nicht. Dazu muss ich dann doch zum iPhone greifen. Bei der Apple Watch kann ich die Antworten auf Wunsch diktieren.

Sehnsucht nach der Apple Watch

Über die Gear-S-App für iOS ist ein Download-Store von Samsung erreichbar. Masse und Qualität der verfügbaren Apps sind überschaubar. Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt
Über die Gear-S-App für iOS ist ein Download-Store von Samsung erreichbar. Masse und Qualität der verfügbaren Apps sind überschaubar. Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt

Auch bei anderen Funktionen stößt die Kombination aus Samsungs Smartwatch und iPhone an die Systemgrenzen. So ermöglicht die Gear S3 zwar ein sehr umfangreiches Fitness-Tracking. Die Daten lassen sich jedoch nicht mit Apple Health synchronisieren. Als Daten-Hub verwendet Samsung das hauseigene Ökosystem S Health, das auf fast allen Android-Geräten als eigenständige App verfügbar ist. Zum Abgleich wird ein Samsung-Account benötigt. Erinnerungen lassen sich zwischen Gear S3 und iPhone gar nicht synchronisieren.

Für die Apple Watch gibt es inzwischen eine Vielzahl angepasster iOS-Apps. Die Gear S3 kann diese aber nicht nutzen. Sie greift auf einen eigenen Download-Store in der Hersteller-App zu. Das Angebot ist überschaubar. Nur ganz wenige populäre Anbieter wie Yelp oder Flipboard sind dort während meines Tests bereits verfügbar.

Die App-Qualität ist ebenfalls durchwachsen. Ein Beispiel: Während ich mich von der Apple Watch wie selbstverständlich mit Apples Karten-App oder Google Maps navigieren lassen kann, finde ich im Galaxy Apps Store nur unbrauchbare Google-Maps-Derivate von unabhängigen Entwicklern. Auch, dass ich meine täglichen To-Do-Listen auf der Gear S3 nicht mit Wunderlist abhaken kann, steigert meine Sehnsucht danach, wieder zur Apple Watch zur greifen.

Zudem ist Samsungs Sprachassistent S Voice dem Apple-Pendant Siri aktuell deutlich unterlegen. Nicht nur, dass er essentielle Funktionen wie das Diktieren von Nachrichten nicht beherrscht. Häufig verweigert S Voice im Praxistest auch einfach den Dienst und beklagt sich selbst bei den antrainierten Fähigkeiten, die Anfrage nicht bearbeiten zu können.

Fazit: Irgendwann vielleicht eine vollwertige Alternative

Die Samsung Gear S3 ist fraglos eine toll verarbeitete, schicke und leistungsstarke Smartwatch. Dass Samsung die Kompatibilität zu Apples mobilem Betriebssystem ermöglicht, ist absolut zu begrüßen. Apple-Watch-Nutzer können nur davon profitieren, wenn ein Konkurrenz-Angebot den Wettbewerb in dieser Gerätekategorie ankurbelt. Vorerst ist die Apple Watch unter iOS aber die nützlichere Assistentin für den smarten Alltag. Basics wie Benachrichtigungen, Telefonie und Fitness kriegt die Gear S3 am iPhone zwar annähernd genauso gut hin. In Aspekten, die eine Computeruhr wirklich smart machen, zum Beispiel App-Nutzung und Sprachsteuerung, ist Apples Ökosystem aber noch ein paar Entwicklungsschritte voraus.


Images & Screenshots by Berti Kolbow-Lehradt


 

 

Berti Kolbow-Lehradt

Berti ist ein pragmatischer Tech-Nerd, der gern Dinge testet, die das Leben komfortabler gestalten und vor allem Spaß bereiten. Er liebt smarte Unterhaltungstechnik sowie digitale Fotografie – und gibt gern Ratschläge dazu. Daher auch der Spitzname „RatgeBerti“. Wäre er nicht Technik-Journalist geworden, dann in einem anderen Leben vielleicht Superheld mit Technik-Overkill (Batman?) oder menschlicher Side-Kick bei den Transformers.

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