Apple Clips: Die neue Social-Video-App für iOS im ausführlichen Test

Apple Clips ist da! Jetzt fragt ihr euch sicher, was Apples eigenes Social-Video-Programm wohl besser macht, als die gefühlt tausend anderen Video-Apps im App Store. Deshalb habe ich die neue Clips-App am Wochenende ausgiebig für euch getestet und verrate euch, warum Apple hier auf jeden Fall noch nachbessern muss.

Neustes iOS 10.3 ist Pflicht

Zunächst war ich verärgert, dass ich Clips nur unter der iOS-Version 10.3.1 auf meinem iPhone 7 Plus installieren kann. Da ich gerne sehr lange mit der Installation von neuen iOS-Updates warte, fühlte ich mich hier von Apple genötigt. Was soll’s – die Neugier war letztendlich größer als meine Angst vor einer Zerstörung meines iPhones.

Die Apple-Clips-App ist etwa 50 MB groß, was absolut im Rahmen ist. Zum Vergleich: Snapchat belegt mit 109 MB mehr als doppelt so viel Speicherplatz auf eurem Gerät; iMovie schlägt hier sogar mit 700 MB zu Buche.



Nach dem Start direkt loslegen

Wenn ihr die App installiert habt, seht ihr einen kurzen Werbefilm, der euch deutlich machen soll, wie toll, innovativ und neu Clips ist. Statt eines übertriebenen Werbefilms hätte ich mir an dieser Stelle allerdings ein sinnvolles Einführungsvideo gewünscht. Der Blick auf den Startbildschirm macht dieses Verlangen allerdings wett. Direkt sieht hier alles sehr selbsterklärend aus.

Ein Tipp auf „Neues Video“ öffnet den Editier-Modus und ich kann direkt loslegen. Als Quelle könnt ihr zwischen „Foto“, „Video“ und „Mediathek“ auswählen. Letztere Option gefällt mir sehr gut. Ich finde es total umständlich, wenn man nur mit exklusivem Live-Material arbeiten können oder wollen, wie das bei einigen Story-Funktionen der Fall ist.

Ich habe für meinen ersten Film die Rubrik „Video“ gewählt. Nun kann ich in der oberen Leiste aus vier Symbolen auswählen, wie ich mein Video verfeinern möchte. Hier steht mir mit der Sprechblase die Live-Titel-Funktion zur Verfügung, die Wahl eines Filters, Einfügen von Sprechblasen mit Ortsangaben und Daten oder Wörtern, und eine Titel-Funktion, die euer Video zu Beginn mit einer Art Intro versieht. Die einzelnen Elemente eures Videos lassen sich im Nachhinein beliebig verschieben.

Während einer Aufnahme lässt sich nichts einstellen

Um ein Video aufzuzeichnen, müsst ihr den Aufnahmebutton gedrückt halten. Ihr könnt euch entscheiden, ob ihr den Ton mit aufzeichnen wollt. Dazu befindet sich direkt links neben dem Aufnahmebutton ein Mikrofonsymbol. Rechts neben dem Aufnahmesymbol befindet sich die Option für Front- oder Hauptkamera. Ein Wechsel ist nur vor, aber nicht während einer Aufnahme möglich.

Generell sind die Möglichkeiten während einer Aufnahme beschränkt. Ihr könnt quasi gar nichts machen außer zu filmen. Alle Einstellungen wie Filter, Emoji, Sprechblasen und mehr müsst ihr vorher bereits festlegen. Dafür könnt ihr nach einer Aufnahme das entsprechende Video nachbearbeiten und auch hier Filter, Sprechblasen und Emoji hinzufügen.

Clips ist sehr einfach gehalten. Für mich als Hobby-Video-Produzentin fehlen hier einige grundlegende Möglichkeiten. So kann ich zum Beispiel nicht bestimmen, wann ein Emoji oder eine Sprechblase eingeblendet wird. Sie wird immer am Anfang einer Sequenz eingeblendet und bleibt bis zum Ende dort stehen. Da ich in Clips die Aufnahmen allerdings auch nicht teilen kann (sie lassen sich nur kürzen), fühle ich mich auch hier wieder sehr eingeschränkt.

Wozu braucht man Live-Titel?

Das Alleinstellungsmerkmal von Clips sind die Live-Titel. So eine Funktion ist mir bisher in keiner Video-App untergekommen. Ich bin von der Idee richtig begeistert. Bei näherem Hinsehen flachte diese Begeisterung allerdings stark ab.

Wofür braucht man diese Funktion eigentlich? Clips soll ja in erster Linie kleinere, lustige Videos für Freunde und Bekannte ermöglichen, die zügig privat oder in sozialen Netzen geteilt werden können. Der Untertitel ist in meinen Augen mehr als sinnlos, da er nicht in andere Sprachen übersetzt, und so für fremdsprachige Freunde von Vorteil wäre. Wieso möchte ich, dass mein gesprochenes Wort lippensynchron auf meinem Video eingeblendet wird? Ich weiß es nicht.

Live-Titel: Bitte nur auf Hochdeutsch

Dafür funktioniert die Live-Titel-Funktion richtig gut. Einstellen könnt ihr sie, bevor ihr ein Video aufzeichnet, oben links. Ihr müsst hier die Sprechblase antippen und könnt dann auswählen, in welchem Stil der Untertitel eingeblendet wird. Es stehen euch hier acht verschiedene Designs zur Verfügung. Wenn ihr euch ein Design ausgesucht habt, könnt ihr mit der Aufzeichnung beginnen.

Ich spreche generell sehr klares Hochdeutsch und habe mir eine relativ langsame Aussprache angeeignet. Die Spracherkennung scheint damit sehr gut zurechtzukommen. Alles, was ich sage, wird ordentlich aufgezeichnet und lippensynchron auf die Bewegtbilder gelegt.

Erst ohne Punkt und Komma labern – dann korrigieren

Der Grund, warum ich mich allerdings schämen würde, ein Clips-Video mit Untertitel zu verschicken oder zu veröffentlichen, ist nicht die Sinnlosigkeit des Ganzen. Es ist vor allem das Problem, dass Kommas und Punkte natürlich nicht automatisch in meine Sätze eingefügt werden. Ich müsste die Zeichensetzung mit meiner Stimme vornehmen, was natürlich völlig bescheuert ist.

Apple Clips
Image by Julia Froolyks

Die Live-Titel-Funktion basiert auf Apples Diktierfunktion – hier kenne ich es bereits, dass ich Punkte, Kommata und sämtliche andere Zeichen mitsprechen muss. Das in einem Video machen zu müssen, finde ich nicht sehr sinnvoll.

Zum Glück könnt ihr den Untertitel im Nachhinein noch bearbeiten. Also einfach drauf losquatschen und dann den Untertitel auf den Bildern antippen. Dann könnt ihr Fehler in der Worterkennung beseitigen.

Allerdings macht die Nachbearbeitung den ganzen von Apple vordefinierten Sinn von Clips kaputt, der besagt, dass „Videos in Sekundenschnelle“ erstellt sind. Außerdem ist der Untertitel, je nach Veränderung und Länge des korrigierten Wortes nicht mehr lippensynchron. Dennoch ist die Live-Titel-Funktion eine nette und wirklich innovative Spielerei.

Einen Film mit Filtern aufhübschen

Die acht verfügbaren Bild-Filter gefallen mir sehr gut. Neben den aus der Foto-App bekannten Filtern wie „Chrom“ oder „S/W“, finden sich hier mit „Comic-Heft“ und „Tinte“ weitere interessante Filter, die die Foto-App nicht beinhaltet.

Einzelne Video-Sequenzen könnt ihr nachträglich beschneiden oder mit Effekten und Emoji versehen. Die Emoji sind übrigens etwas versteckt oben unter dem Stern-Symbol einsehbar. Ihr müsst hier bei den möglichen Sprechblasen auf die zweite Seite wischen.

Interessant und auch nervig zugleich ist hier, dass euch nur die 30 Emoji angezeigt werden, die ihr zuletzt oder häufig verwendet habt. Wenn ihr also dringend ein anderes Emoji einfügen wollt, müsst ihr es zunächst in einer anderen App verwenden. Das hat bei mir im Test mit Facebook und auch mit WhatsApp geklappt. Einfach und schnell ist anders.

Die Mucke macht’s

Richtig toll finde ich die 47 vorhandenen gemeinfreien Musiken, die ihr über euer Video legen könnt. Dabei stehen euch sieben Kategorien zur Verfügung: Pop, Verspielt, Chill, Sentimental, Retro, Aktion sowie Feiertage & Ereignisse.

Ihr könnt außerdem eigene Musik aus eurer Mediathek auswählen. Hier ist allerdings Vorsicht geboten wegen Urheberechtsverletzungen. Ich finde es generell ein Unding, dass diese Option überhaupt zur Auswahl steht, da vor allem Kinder und Jugendliche fleißig Videos mit diesen Apps produzieren und durch das Veröffentlichen der Clips mit nicht-freier Musik unwissend großen Ärger produzieren können. Wenn ihr Aufwand nicht scheut, produziert ihr zum Beispiel mit GarageBand euren eigenen Soundtrack. In den vorgefertigten Musiken sollte jedoch jeder irgendwie fündig werden. Doch auch hier hat Apple vergessen, die Sache einfach zu gestalten.

Apple Clips
Image by Julia Froolyks

Wenn ihr oben rechts auf die Musiknote tippt, könnt ihr unter „Soundtracks“ schauen, welche Hintergrundmusik ihr haben wollt. Anders als in iTunes gibt es hier jedoch keine Vorschau-Option für die einzelnen Songs. Stattdessen müssen diese heruntergeladen werden, was je nach Datennetz viel Zeit und Datenvolumen in Anspruch nimmt. Ich empfehle hier mit einer WLAN-Verbindung einmal sämtliche Songs herunterzuladen.

Videos teilen und verschicken

Wenn ihr ein Video erstellt habt, könnt ihr es sehr schnell teilen oder an Freunde senden. Eine Funktion, die ich leider nicht testen konnte, ist die Gesichtserkennung von Personen, die im Video vorkommen. Hier soll Apple Clips total smart die Akteure erkennen können und den Kontakt beim Versenden automatisch vorschlagen. Voraussetzung ist hier allerdings, dass ihr dem entsprechenden Kontakt ein Porträt-Bild zugeordnet habt.

Ihr könnt das Video aber auch in nahezu allen sozialen Netzwerken und auch WhatsApp und YouTube sofort teilen oder per E-Mail versenden. Wenn ihr das Video für später sichern wollt, habt ihr die Möglichkeit, es aufs Smartphone zu importieren. Es lässt sich außerdem in iCloud Drive sichern.

Ein Tutorial hat Apple übrigens auf der Startseite als kleines Fragezeichen oben rechts integriert. Hier findet ihr alle Clips-Funktionen noch einmal in der Übersicht.

Mein Fazit: Apple Clips ist ausbaufähig

Das Einzige, was mir an Clips gefällt sind die beiden neuen Filter. Was Gestaltungsmöglichkeiten betrifft, bin ich mehr als eingeschränkt. Mich nervt vor allem, dass mir nur 30 Emoji angezeigt werden. Ansonsten sind die vorgefertigten Intro-Titel gut gelungen, und die Auswahl an Soundtracks ist beachtlich. Dass es für diese keine Vorhör-Option gibt, finde ich allerdings mehr als unverständlich.

Die Live-Titel-Funktion versteht mich richtig ordentlich. Allerdings bleibt mir der Sinn der Funktion bleibt ein Rätsel. Gut ist, dass ich den Untertitel im Nachhinein noch bearbeiten und mit Satzzeichen ausstatten kann. Ich hoffe, dass Apple hier fleißig neue Sprechblasen und Gestaltungsmöglichkeiten nachliefert, denn sonst wird Clips wirklich sehr schnell sehr uninteressant.

Noch erwähnenswert ist die schlechte Tonqualität beim Aufzeichnen. Trotz ruhiger Umgebung liegt ein lautes, unschönes Rauschen auf der Tonspur, die sich natürlich nicht nachbearbeiten lässt.

Alternativen: Wenn ihr Apple Clips zu verspielt findet, könnt ihr natürlich auch zu leistungsstärkeren App-Alternativen Greifen. Eine Auswahl interessanter Apps habe ich hier zusammengestellt. Weitere, generelle Tipps zum Filmen mit dem iPhone hat euch Anton Knoblach hier zusammengestellt.


Images by Julia Froolyks


Julia Froolyks

Technikjournalistin und leidenschaftlicher Fan von Marktneuheiten. Hat vieles ausprobiert, ist aber am Ende immer wieder bei Apple-Produkten gelandet - damit können Medienschaffende einfach am besten arbeiten. Neben Mobilfunk und Smartphones hegt sie eine innige Beziehungen zu Datenschutz und Cyber Security.

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