Yamaha MusicCast: Multiroom-System im Test

Wenn es um Multiroom-Lautsprecher geht, denken viele Apple-Nutzer zuerst an den Hersteller Sonos. Er gilt in punkto Bedienung und Synchronisation über mehrere Boxen und Räume hinweg als Referenz. Doch inzwischen trauen sich diese nicht ganz triviale Technologie offenbar auch viele andere Hersteller zu. Denn immer mehr Multiroom-Systeme sprießen aus dem Boden, wie zuletzt auf der IFA 2017 zu beobachten war. Ein Anbieter, der nach längerer Kunstpause seit zwei Jahren wieder aktiv im Multiroom-Streaming mitmischt, ist Yamaha mit seinem System namens Yamaha MusicCast.

Dieses setzt im Unterschied zu Sonos nicht auf Purismus, sondern nimmt über eine Vielfalt an Funk- und Kabelanschlüssen Kontakt zu Musikquellen auf. Beispielsweise ist neben Bluetooth auch Apples Audio-Protokoll AirPlay an Bord. Zudem sind die MusicCast-Boxen zum Teil erheblich preisgünstiger als Sonos‘ Produkte der Play-Reihe. Wie gut Yamaha klingt, sich bedienen lässt und sich ins Apple-Ökosystem einbindet, habe ich anhand des Produktpakets Yamaha MusicCast Chorus getestet. Dies enthält eine kleine (WX-010) und mittlere Box (ISX-18D) sowie einen Soundbar (YAS-306), die sich beispielsweise für die Wiedergabe eines Apple TV eignet.

Graumausiges Retro-Design

Neben einer schwarzen Farbvariante des Chorus-Starterkits listet Yamaha auch eines in Weiß. Tatsächlich sind aber nur einige Gehäuseteile weiß akzentuiert, während die Grundfarbe Grau ist. Sie steht auch für den Designcharakter. Denn für Exemplare einer angesagten Produktkategorie sehen die Audio-Systeme zum Teil überraschend graumausig und altbacken aus. Die feinmaschigen Stoffüberzüge und bauchigen Rundungen des Lautsprechers WX-010 und des Soundbar YAS-306 wirken viel zu gemütlich, als dass sie als hippe Retro-Objekte durchgehen könnten.

Yamaha MusicCast
Yamaha MusicCast WX-010. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Mit deutlich mehr Charme punktet der Design-Lautsprecher ISX-18D aus Yamaha Lifestyle-Serie Restio. Er besticht durch ein unkonventionelles, quadratisches Frontpanel mit einem Monochrom-Display im Zentrum und einer Zierleiste in Silbermetallic als Rahmen. Das Gehäuse wirkt außergewöhnlich flach, weil sich der größere Teil nach hinten verjüngt und daher im Normalfall nicht zu sehen ist. Die Digitalanzeige hebt es optisch aus der Masse der Lautsprecher heraus und weckt Erwartungen. Doch dessen Funktionsumfang beschränkt sich auf das Anzeigen der Uhrzeit und der ausgewählten Musikquelle.

MusicCast-Lautsprecher finden überall schnell Anschluss

Vom biederen Äußeren sollte sich niemand täuschen lassen. Die wahre Stärke des MusicCast-System ist nämlich ein innerer Wert. So dürfte Yamaha in Sachen Anschlussfreudigkeit so schnell keiner was vormachen können. Neben einer WLAN-Verbindung als reguläre Streaming-Technik ermöglicht euch der Hersteller, Musik auch per Bluetooth und AirPlay einzuspielen. So kann euer Besuch euch mal eben auf die Schnelle sein neues Lieblingslied von seinem Smartphone auf die Lautsprecher übertragen, ohne dass er erst aufwendig die Streaming-App von Yamaha MusicCast konfigurieren müsste. Sollte die WLAN-Verbindung in euren Heim nicht optimal sein, könnt ihr zur Not auch in jedem Lautsprecher ein LAN-Kabel einklinken.

Für diese Arten der Kontaktanbahnung ist auch der Soundbar YAS-306 offen. Zusätzlich könnt ihr ihn per optischem oder per Chinch-Kabel mit einem Fernseher, Hifi-Komponenten und Zuspielern wie den Apple TV verbinden. Mit dem Lautsprecher ISX-18D empfangt ihr zudem Radio per DAB+. Damit bietet Yamaha MusicCast erheblich mehr Vielfalt als das Sonos-System, das sich auf WLAN und LAN (bzw. ein optisches Kabel bei der Playbase) beschränkt. In Kürze können Nutzer von Yamaha MusicCast auch ihre Lautsprecher per Sprache bedienen. Dann erscheint nämlich ein Update, dass die Lautsprecher kompatibel zu Amazon Alexa macht.

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Yamaha MusicCast ISX-18D. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Sowohl die Verbindungen per Funk als auch per Kabel sind in meinem Praxistest schnell eingerichtet. Per Bluetooth und AirPlay verbindet ihr die Lautsprecher ohne großes Aufhebens direkt mit dem iPhone oder iPad. Für das WLAN-Streaming müsst ihr jedoch auf jeden Fall die App des Herstellers verwenden.

App geht die Musik

Zwar könnt ihr die klassischen Steuerbefehle An/Aus, Start/Pause und Laut/Leiser auch mit den physischen Tasten an den Lautsprechern geben. Doch wie bei allen Multiroom-Systemen wählt und bedient ihr auch bei Yamaha MusicCast die Musik in erster Linie per App. Den „MusicCast Controller“ für iPhones und iPads ab iOS 9 ladet ihr kostenlos im App Store herunter.

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Die Musikquellen-Auswahl in der MusicCast-App auf dem iPad. Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt

Nachdem ihr die Einrichtungsanleitung befolgt habt, ist die Vorgehensweise simpel: Raum oder Lautsprecher auswählen, Musikquelle starten, fertig. Dabei könnt ihr auf jeden Lautsprecher einen anderen Song abspielen oder denselben Titel per „Link“-Funktion an sämtliche Boxen gleichzeitig schicken. Dieses sogenannte Multiroom-Streaming funktioniert mit Audiostücken aus allen Quellen, die die App unterstützt. Erwartungsgemäß gehört eine Auswahl an Musikabo-Diensten dazu. Mit Spotify, Deezer, Napster, Juke, Tidal und Qobuz berücksichtigt das MusicCast-System praktisch alle großen Marken. Für den Praxistest habe ich das Zusammenspiel mit dem Dienst Qobuz ausprobiert, der im Vergleich zu Apple Music vor allem durch höheraufgelöste Musik-Files begeistert.

Apple Music selbst ist nämlich nicht verfügbar. Dieser Dienst ist ausschließlich beim Exklusiv-Partner Sonos integriert. Natürlich könnt ihr eure bei Apple Music hinterlegte Sammlung zum Beispiel per AirPlay vom iPhone und iPad an die MusicCast-Boxen übertragen. Dazu wählt ihr in der Apple-Music-App das Symbol am unteren Bildrand und wählt den Raumnamen aus, dem ihr dem Lautsprecher zugewiesen habt. Manko: Auf diesem Weg lässt sich die Musik nicht an mehrere Boxen gleichzeitig verteilen.

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Apple Music auf dem iPhone via AirPlay mit MusicCast verbinden. Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt

Darüber hinaus unterstützt die App eure heimische Musiksammlung. So könnt ihr auf die lokal auf dem Mobilgerät gespeicherte Musik zugreifen oder auf den Medienserver eurer Netzwerk-Festplatte. Mit dem „Net Radio“-Icon könnt ihr zudem in einem umfangreichen Auswahl an Webradiosendern stöbern.

Großer Funktionsumfang, nicht immer intuitive Menüführung

Neben diesen reinen Abspielfunktionen bietet die MusicCast-App auch einfache Managementqualitäten. So könnt ihr quellenübergreifend Songs und Playlisten zu Favoriten küren und direkt aus der Hauptansicht der App aufrufen, ohne in die Tiefen der jeweiligen Quelle hinabsteigen zu müssen. Eine vorbildliche Suchfunktion wie bei Sonos, die Treffer in allen verknüpften Quellen anzeigt , habe ich jedoch vermisst. Dies ist symptomatisch für die App von Yamaha MusicCast.

In meinem Praxistest gewinne ich nämlich den Eindruck, dass Yamaha zwar um einen großen Funktionsumfang bemüht ist, aber den Anspruch vermissen lässt, dem Nutzer die Bedienung möglichst einfach zu machen. Die Anwendung wirkt etwas unaufgeräumt. Oft muss ich zwischen den Menüebenen springen, um miteinander in Zusammenhang stehende Aktionen wie Lautsprecher-Gruppierung, Lautstärke und Equalizer-Anpassung auszuführen.

An anderen Stellen erscheint mir die Bedienung nicht zu Ende gedacht. So ist es zwar praktisch, dass ich mittels eines Widgets für den iOS-Sperrbildschirm eine von vier festgelegten Lautsprecher-Gruppierungen aktivieren kann. Weil die Schnellzugriffstasten aber nur nummeriert und nicht betitelt sind, muss ich mir meine Konfiguration auswendig merken, was bei einer größeren Anzahl von Lautsprechern nicht praxistauglich ist. Eine gradlinigere und noch intuitivere Nutzerführung der MusicCast-App halte ich daher für wünschenswert.

So klingt das Starterpaket Yamaha MusicCast Chorus

Den Streaming-Job erledigen die drei MusicCast-Boxen insgesamt mit Bravour. Nach einem Update auf die aktuelle Firmware streamen sie sowohl per WLAN als auch Bluetooth stabil und ohne Aussetzer.

Die Klangwidergabe macht nach kleineren Anpassungen einen erstklassigen Eindruck auf mich. Klingen die beiden kleinen Boxen im Werkszustand noch etwas unpräzise und dumpf, spielen sie nach einer leichten Anhebung von Höhen und Tiefen wunderbar differenziert und detailreich auf. Beim Soundbar empfehle ich, die Verbesserung der Stimmwidergabe zu aktivieren. Zudem gefällt mir bei dem TV-Lautsprecher das Klangprofil „Stereo“ am besten, weil dort die Bühne schön breit ist und mich geradezu einhüllt. Dies alles lässt sich für jede Box innerhalb der MusicCast-App über ein Equalizer-Menü einstellen.

Yamaha MusicCast
Per Equalizer könnt ihr – hier beim WX-019 – den Klang anpassen. Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt

Für ihre Größe klingen die beiden kleineren Boxen zwar sehr kräftig, wirken aber trotzdem etwas beengt. Diesen Nachteil teilt der Soundbar wegen seiner viel größeren Bauweise nicht. Doch für ihn wie für den Rest des Trios gilt, dass sich der Bass in den allertiefsten Frequenzen etwas mit dem Punch zurückhält. Im direkten Vergleich wecken der raumfüllende Klang und das Bassvolumen eines Sonos Play 1 und einer Sonos Playbase stärkere Emotionen. Berücksichtige ich, dass die Sonos-Produkte im Schnitt mindestens 50 Prozent mehr kosten, relativiert sich dieser Klangunterschied jedoch.

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Yamaha MusicCast YAS-306. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Fazit: Yamaha MusicCast muss sich nicht vor Sonos verstecken

Es muss nicht immer Sonos sein. Im Praxistest gefällt das Multiroom-System MusicCast von Yamaha als stabile, klangstarke und insgesamt ausgereifte Lösung, die preislich zudem erschwinglich ist. Klanglich überzeugen die drei getesteten Lautsprecher durch eine klare Wiedergabe von Stimmen und Gesang bei gleichzeitig kräftigem Bass, der nur in den untersten Regionen an Volumen spart. Das hat aber auch sein Gutes, da der Sound im Wohnzimmer bleibt und nicht die Nachbarn malträtiert.

Die Bluetooth- und AirPlay-Unterstützung ist ein Plus für alle, die oft Besuch bekommen und denen ihr bevorzugter Streaming-Dienst im an sich reichhaltigen Katalog der App fehlt. Sie ist insgesamt leicht zu bedienen, auch wenn die Entwickler die letzte Konsequenz in Sachen Intuitivität noch vermissen lassen. Wer stilvollem Design Priorität beimisst, sollte einen Blick auf den Lautsprecher ISX-18D werfen. Sein Charme ist dem seiner graumausigen Klangkollegen überlegen. Preislich sind alle drei attraktiv. Sie sind einzeln für rund 140 Euro (WX-10), 250 Euro (ISX-18D) und 300 Euro (YAS-306) erhältlich. Als Trio sind sie ab 650 Euro im Handel verfügbar.


Images by Berti Kolbow-Lehradt


Berti Kolbow-Lehradt

Berti ist ein pragmatischer Tech-Nerd, der gern Dinge testet, die das Leben komfortabler gestalten und vor allem Spaß bereiten. Er liebt smarte Unterhaltungstechnik sowie digitale Fotografie – und gibt gern Ratschläge dazu. Daher auch der Spitzname „RatgeBerti“. Wäre er nicht Technik-Journalist geworden, dann in einem anderen Leben vielleicht Superheld mit Technik-Overkill (Batman?) oder menschlicher Side-Kick bei den Transformers.

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