Polaroid OneStep+ im Test: Die Sofortbildkamera für Spielkinder

Stillhalten. Lächeln. Klick-srrrrrrr. Sofortbild-Kameras von Polaroid waren einst der heißeste Shit auf dem Foto-Markt. Mit der neuen analogen, App-basierten Kamera OneStep+ will Polaroid an diese Tradition wieder ran. Unter dem Namen Polaroid Originals (vormals The Impossible Project) wird nun wieder fröhlich drauflosgeknipst. Jedes Bild ist hier ein Unikat.

Und tatsächlich erfreuen sich die Bilder im instagram-freundlichen Quadrat-Format wieder enormer Beliebtheit. Trotz vergleichweise umständlicher Bedienung und minimalen Einstellungsmöglichkeiten. Doch erst dann wird man so richtig kreativ. Wir haben für euch ein wenig mit dem Foto-Klotz OneStep+ von Polaroid herumgespielt.

Polaroid OneStep+ bringt Retro-Feeling mit Charme

Wir hatten das Glück, dass auf dem Dachboden noch eine originale Polaroid-Kamera ihr Dasein fristete. So konnten wir einen groben Größenvergleich wagen. Unschwer zu erkennen: Die Ähnlichkeiten sind geblieben. Besonders handlich ist auch die neue OneStep+ also nicht gerade. Dafür kommt der Retro-Charme besonders deutlich zur Geltung. Achtung an Sammler: Die OneStep+ klässt sich leider nicht mit den alten Polaroid-Filmen befüllen.

Sieht aus wie früher: Die Polaroid OneStep+ orientiert sich an älteren Designs.

Das Gehäuse der OneStep+ ist vollständig aus Plastik. Mit 15 x 11 x 10 Zentimetern kommt die Kamera nicht gerade mitnahmefreundlich daher. Auch einen Objektivschutz sucht man vergebens. Zwar legt der Hersteller eine praktische Umhängeschlaufe bei, eine Fototasche zum praktischen mitnehmen fehlt jedoch.

Die Einstellungen an der Kamera sind leicht erklärt. Neben der roten, auffälligen Auslösetaste auf der Vorderseite gibt es noch die Klappe, in die die Filmkassette eingeschoben wird. Außerdem gibt es einen Schieberegler für die Helligkeitsstufen. Neu ist hier der Bluetooth-Knopf.

Auf der Rückseite befindet sich die An- und Aus-Taste. Der USB-Anschluss für den eingebauten Akku sowie die Taste für den Flash-Override. So ganz ausschalten lässt sich der Blitz nämlich nicht. Auf der oberen Seite des Kameragehäuses der OneStep+ befindet sich ein auffälliger Kippschalter. Mit ihm kann man eine der beiden eingebauten Linsen im Objektiv vor den Sucher schieben. Hier hat man die Wahl zwischen der Portrait-Linse (ab 0,3 Metern Entfernung bis knapp einen Meter) und der Standard-Linse (Objektentfernung ab einem halben Meter bis unendlich).

Zusätzlich zeigt eine kleine Dioden-Skala an, wie viele Filme sich noch in der Kassette befinden. Sie gibt auch an, wie viel Akku die Kamera noch hat. Das Design ist unauffällig und zeitgemäß. Soll heißen: Es sieht aus, als hätte man eine alte Polaroid-Kamera dabei. Und das soll auch so.

Alles in allem präsentiert sich die OneStep+ ein stimmigen Look, der Retro-Fans und Fotofreunde gleichermaßen erfreuen dürfte. Zudem legt Polaroid noch ein umfangreiches Handbuch sowie einen großformatigen Info-Zettel bei. Hier werden die Spezialfunktionen noch einmal erklärt.

Altes Format, neue Funktion

Zur Polaroid OneStep+ gehört die Polaroid Originals-App. Sie bietet einige Tricks und zeigt, was man mit der Kamera alles anstellen kann. Neben Video-Tutorials und Hintergrundinfos besonders praktisch: Die App dient als Fernbedienung für die verschiedenen Einstellungen. Mit sieben Funktionen kommt gleich viel mehr Leben in die Bude.

  • Double Exposure – Doppelt belichtete Fotos für kreative Schnappschüsse
  • Lichtmalerei – hier nutzt man die Handy-Taschenlampe oder andere Lichter als Pinsel, während die Kamera länger belichtet.
  • Selbstauslöser – Bis zu 25 Sekunden Zeit, um sich in Position zu bringen.
  • Fernauslöser – das Smartphone löst auf Knopfdruck aus.
  • Geräuschauslöser – Händeklatschen oder das Geräusch deiner Wahl kann das Bild auslösen
  • Manueller Modus – hier kann Blende, Belichtungszeit etc. kontrolliert werden.
  • Scanner – für die Social Media-Befütterung mit Zuschneide-Funktion und Fehlerausbesserung

Handling der Polaroid OneStep+: Einfach ist anders

Polaroid hat kräftig die Werbetrommel für die Kamera mit der App-Funktion gerührt. Unser Urteil: Hmtja. Wir sind zwiegespalten. Die App beispielsweise bietet einen auf den ersten Blick einen recht stimmigen Service. Denn wer will schon immer das komplette Handbuch oder einen großformatigen Zettel mit sich herumschleppen, wenn er nur einen spaßigen Schnappschuss machen möchte? Leider handelt es sich bei der App mal wieder um eine eher halbgare Entwicklung.

Beim ersten Durchklicken findet man hier nämlich eher eine schicke Fotoshow statt einer genauen Anleitung. Und die braucht man tatsächlich öfter als gedacht. Die minimalistischen Designs der Retro-Kamera sind zwar schick, aber man muss sich schon auskennen, um der Kamera die beworbenen Funktionen erfolgreich zu entlocken. Zwar gibt es sogar App-eigene Tutorials, die Tricks und Nutzungshinweise geben wollen. Fraglich, wieso es denn überhaupt eine eigene App braucht, wenn diese bei vielen Menüpunkten nur als eine Weiterreichung zu Youtube oder zur hauseigenen Homepage dient. Mit Verlaub: Für so etwas gibt es Suchmaschinen.

Ein dickes Minus bekommt hierbei vor allem die Tutorial-Funktion. Die Youtube-Einbindung streikt, und zwar durchgängig. Das kann an unseren Smartphones liegen, die nicht mehr ganz taufrisch sind. Schade ist es aber dennoch. Sucht man die Tutorials händisch beim Streaming-Anbieter, klappt alles ohne Probleme.

No risk, no fun mit Polaroid OneStep+

Weil man, vermutlich aus Stylegründen, wohl nicht so viel Platz auf dem Infozettel einnehmen wollte, bleiben auch sonstige Hinweise auf die vielen Funktionen recht grob. Wie man die Kamera jenseits von Klick-surrr bedient, muss man sich dann erst einmal erarbeiten, denn so richtig viel erklären tut die App leider nicht. So kommt es, dass die ersten paar Schnappschüsse mit unserem raren Fotomaterial leider eher unfreiwillig passieren.

Außerdem ist die Kamera eindeutig für Innenaufnahmen gedacht. Im Außenbereich verschwimmt und vergriselt das Bild ganz gewaltig, wenn nicht gerade schönster Sonnenschein herrscht. Außerdem vergessen wir bei den ersten Einsätzen, mittels des Kippschalters die Linse zu wechseln und bekommen zur Strafe noch ein paar weitere unscharfe Bilder.

Der Teufel steckt im Detail. Die Polaroid OneStep+ist komplett durchdesignt.

Zwar haben wir irgendwann den Bogen raus, wie die Doppelbelichtung und – besonders spaßig – die Funktion mit der Lichtzeichnung in der App per Bluetooth-Verbindung funktionieren. Doch auf die vielen Feineinstellungen, die unser geübtes Fotoauge gerne noch gemacht hätte, müssen wir verzichten. Ganz so toll wie in der App sehen die Bilder aber leider nicht aus – zu unscharf, zu dunkel und vor allem: Zu viel Materialverschwendung. Hier wäre eine Implementierung ins Smartphone auch andersherum sinnvoll gewesen – allein schon, um Fotopapier zu sparen. Aber: No risk, no fun.

Größer wird das Foto-Risiko dann manuell und ohne App. Mit ein bisschen mehr Übung und Geduld funktioniert der Doppelbelichtungseffekt per Hand. Hier muss man einige Tricks anwenden, die wir erst nach einiger Sucherei im Netz finden: Das erste Motiv belichten, gleichzeitig ein Finger auf dem Ausschalter, bevor der Film transportiert wird. Danach die Kamera wieder einschalten, das zweite Motiv aufnehmen. Erst dann lässt man das Bild aus der Kamera springen. Gar nicht so einfach.

Der Spaßfaktor, der neben Bildkomposition und Überraschungseffekt auf einen wartet, ist und bleibt aber enorm hoch. Genau so hoch, dass man zwar die verschossenen, misslungenen Bilder kurz bereut, aber dann doch überlegt, welche der vielen Filmkassetten-Pakete man als nächstes ausprobiert. Hier bietet Polaroid die ganze Bandbreite, von farbigen Rahmen bis hin zur Ausgabe in Schwarzweiß. Wir geben es zu: Wir sind ein bißchen angefixt.

Das nächste Zubehörpaket kommt bestimmt: Die Polaroid OneStep+ fordert Smartphone-Sicherheitsfanatiker heraus.

Fazit: OneStep+ bringt Spaß am Gerät

Die Polaroid OneStep+ ist ein echter Spaßfaktor, den man sich aber erst einmal erarbeiten muss. So ganz intuitiv ist die Bedienung nicht. Dafür überwiegt der Retro-Charme und die Lust zum Risiko. Die ganz große Fotokunst kann man mit der OneStep+ nicht machen, dazu ist die Grundausstattung zu spärlich und das Zubehörmaterial eindeutig zu teuer bei mittelmäßiger Qualität.

Was man aber kann, ist: Jede Menge Spaß bei der Bildkomposition haben. Das geht tatsächlich am besten per App. Die OneStep+ ist eine echte Partycam mit Überraschungseffekt für uneitle, kreative Menschen. Und wer würde sich nicht gern zu diesem Menschenschlag dazuzählen?

Die Polaroid OneStep+ gibt es für 160 Euro im Handel. Ein Paket Sofortbilder für die I-Type-Kamera (8 Aufnahmen) kostet 16 Euro bei Amazon.


Images by Anne Jerratsch

Anne Jerratsch

ist freischaffende Autorin und Redakteurin bei den Netzpiloten und den Hello-Magazinen. Sie hat zeitgenössische und mittelalterliche Geschichte sowie Anglistik und Amerikanistik studiert und arbeitet, seit das erste Modem ins Elternhaus einzog, an irgendwas mit Medien. Sie bloggt und twittert als @keksmadam, mag und macht Podcasts und wirkt bei der nichtkommerziellen Hörspielvereinigung Die Neuvertonung mit.

More Posts - Website - Twitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.